Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine verlagert sich immer stärker tief ins russische Hinterland – und trifft inzwischen empfindlich das wirtschaftliche Rückgrat des Kremls. Ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien, Ölhäfen und Energieanlagen nehmen massiv zu. Besonders betroffen sind strategisch wichtige Standorte an der Schwarzmeer- und Ostseeküste. Russische Regionalpolitiker sprechen inzwischen offen von einer neuen „Frontregion“ innerhalb Russlands.
Kreml unter Druck: Angriffe reichen bis zur Ostsee
Mit ungewöhnlich deutlichen Worten beschrieb der Gouverneur der Region Leningrad, Alexander Drozdenko, die aktuelle Lage. Seine Region sei „nicht mehr nur Grenzgebiet, sondern Frontregion“, erklärte er bei einem Briefing mit Ex-Präsident Dmitri Medwedew. Hintergrund sind anhaltende ukrainische Angriffe auf russische Energie- und Hafenanlagen. Vor allem die Häfen Ust-Luga und Primorsk an der Ostsee geraten zunehmend ins Visier. Beide Anlagen gehören zu den wichtigsten Umschlagplätzen für russische Öl- und Treibstoffexporte. Allein Primorsk verschifft jährlich rund 60 Millionen Tonnen Rohöl. Die Ukraine versucht offenbar gezielt, Russlands wichtigste Einnahmequellen zu schwächen.
Vierter Angriff auf Tuapse: Raffinerie erneut in Flammen
Besonders dramatisch ist die Lage in der südrussischen Hafenstadt Tuapse am Schwarzen Meer. Dort wurde die große Rosneft-Raffinerie innerhalb von nur zwei Wochen bereits zum vierten Mal attackiert. Augenzeugen berichteten erneut von gewaltigen Explosionen und meterhohen Rauchwolken über der Küstenstadt. Die Anlage verarbeitet jährlich etwa zwölf Millionen Tonnen Öl und gilt als zentrale Drehscheibe für Treibstoffexporte über das Schwarze Meer. Nach mehreren schweren Treffern steht der Betrieb mittlerweile vollständig still. Bereits zuvor waren zahlreiche Lagertanks zerstört worden.
Russlands Luftabwehr konnte die Angriffe trotz massiver Verteidigungsmaßnahmen offenbar nicht verhindern. Das Verteidigungsministerium meldete zwar den Abschuss von mehr als 140 ukrainischen Drohnen, dennoch erreichten mehrere Fluggeräte ihre Ziele.
Umweltkatastrophe am Schwarzen Meer
Die Folgen der Angriffe gehen inzwischen weit über wirtschaftliche Schäden hinaus. Durch zerstörte Tanklager und beschädigte Infrastruktur breitet sich entlang der Schwarzmeerküste ein riesiger Ölteppich aus. Behörden sprechen von einer kontaminierten Zone von bis zu 77 Kilometern Länge. Bewohner berichten von beißendem Geruch, ölhaltigem Regen und stark belasteter Luft. Messstationen registrierten erhöhte Werte von Benzol, Xylol und Rußpartikeln. Zudem wurden tote Delfine, Fische und Seevögel an der Küste entdeckt.
Selbst Kremlchef Wladimir Putin musste inzwischen einräumen, dass die Angriffe „potenziell umweltgefährlich“ seien. Gleichzeitig versucht die russische Führung weiterhin, die Lage öffentlich herunterzuspielen.
Ukrainische Strategie setzt Russlands Wirtschaft massiv unter Druck
Die ukrainischen Angriffe folgen offenbar einer klaren Strategie: Russland soll wirtschaftlich geschwächt und die Versorgung der Armee mit Treibstoff erschwert werden. Laut internationalen Analysten erreichte die Zahl der Attacken auf russische Energieanlagen zuletzt den höchsten Stand seit Monaten. Im April sollen mindestens 21 Angriffe auf Raffinerien, Pipelines und Ölterminals registriert worden sein. Dadurch sank Russlands Raffineriekapazität auf den niedrigsten Stand seit Ende 2009.
Putins Wirtschaft gerät zunehmend ins Wanken
Parallel zu den Angriffen verschlechtert sich auch die wirtschaftliche Lage Russlands deutlich. Präsident Putin musste zuletzt selbst einräumen, dass das Bruttoinlandsprodukt in den ersten Monaten des Jahres zurückging. Besonders betroffen sind Industrie, Bauwirtschaft und Transportsektor.
Hinzu kommt ein gigantisches Haushaltsdefizit. Experten sehen die Ursache nicht nur in den Angriffen auf die Energieinfrastruktur, sondern auch in den enormen Kriegskosten und dem Arbeitskräftemangel. Viele Beschäftigte würden laut Ökonomen durch den Krieg „wie von einem Staubsauger“ aus der Wirtschaft gezogen.
Auch die Öl- und Gaseinnahmen, die für Russland überlebenswichtig sind, befinden sich im Sinkflug. Die Exporte liegen inzwischen deutlich unter dem Niveau vor Beginn des Ukraine-Krieges.
Russland setzt Krieg dennoch unvermindert fort
Trotz der schweren wirtschaftlichen Schäden zeigt Moskau bislang keinerlei Bereitschaft zum Einlenken. Russland setzt seine Angriffe auf ukrainische Städte fort. Erst in der vergangenen Nacht wurden erneut Wohngebäude in Odessa von Drohnen getroffen. Mehrere Menschen wurden verletzt, zahlreiche Bewohner mussten psychologisch betreut werden.
Der Konflikt entwickelt sich damit zunehmend zu einem umfassenden Abnutzungskrieg – nicht nur an der Front, sondern auch gegen Wirtschaft, Infrastruktur und Versorgungssysteme beider Länder.


