Kiew. Russland verschärft mitten im Winter seinen Luftkrieg gegen die Ukraine und setzt dabei gezielt auf die Zerstörung kritischer Infrastruktur. Während westliche Sanktionen und Debatten über eingefrorene russische Vermögenswerte den Druck auf Moskau erhöhen sollen, reagiert Wladimir Putin mit einer Strategie der Kälte. In mehreren Regionen der Ukraine, darunter Kiew, Odessa, Dnipropetrowsk, Donezk, Tschernihiw und Saporischschja, sind weite Teile der Bevölkerung nach massiven Angriffen auf die Energieversorgung ohne Strom. Bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad wird die Lage für hunderttausende Menschen lebensbedrohlich.
In der Nacht zu Dienstag überzog das russische Militär die Ukraine mit einem der schwersten Angriffe der vergangenen Monate. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe kamen dabei 25 Raketen und fast 300 Drohnen zum Einsatz. Die Attacken richteten sich gezielt gegen Kraftwerke, Umspannstationen und weitere Schlüsselstellen der Energieversorgung. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von mehreren hunderttausend Haushalten, die von Strom und Heizung abgeschnitten wurden. Russland wolle die winterliche Kälte bewusst als Waffe einsetzen, warnte er.
Selenskyj rief die Bevölkerung eindringlich dazu auf, Luftalarme ernst zu nehmen. Geheimdienstinformationen deuteten darauf hin, dass Moskau bereits weitere Angriffe vorbereite, möglicherweise mit dem Ziel, auch die ukrainische Flugabwehr auszuschalten. Besonders alarmierend ist dabei der erneute Einsatz der atomwaffenfähigen Mittelstreckenrakete Oreschnik, der international scharfe Kritik ausgelöst hat. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien warnten vor einer gefährlichen Eskalation und einer Ausweitung des Krieges über die Ukraine hinaus.
Die Angriffe trafen erneut zivile Einrichtungen. In Charkiw wurden nach offiziellen Angaben vier Menschen getötet und mehrere verletzt. Russische Drohnen und Raketen beschädigten Wohnhäuser, medizinische Einrichtungen für Kinder sowie Logistikzentren. Augenzeugen berichteten, dass Feuerwehr und Rettungskräfte bei eisigen Temperaturen unter Beschuss gerieten, während sie Brände löschten und Verletzte versorgten. Die ukrainische Staatsanwaltschaft wirft Russland sogenannte Doppelschläge vor, bei denen gezielt Helfer attackiert werden.
Auch im Süden des Landes eskalierte die Lage. In Odessa wurden Wohngebäude, ein Krankenhaus und ein Kindergarten beschädigt, mehrere Menschen erlitten Verletzungen. In der Region Saporischschja kam es zu weiteren Explosionen. Der größte private Energieversorger des Landes meldete erneut Treffer auf ein Kraftwerk. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs wurden dessen Anlagen bereits mehr als 220 Mal attackiert, allein acht Mal seit Oktober.
International wächst die Sorge über Putins Vorgehen. Die USA verurteilten insbesondere den Einsatz der Oreschnik-Rakete als unverantwortliche Eskalation. In einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats warnten westliche Diplomaten vor den Risiken einer Fehleinschätzung und einer weiteren Destabilisierung der Region. Selenskyj forderte unterdessen neue militärische und humanitäre Hilfspakete. Russland müsse begreifen, dass Terror und Kälte den Krieg nicht entscheiden würden.
In Kiew spitzte sich die Situation zeitweise so zu, dass Bürgermeister Vitali Klitschko den Menschen empfahl, die Stadt vorübergehend zu verlassen. Massive Ausfälle bei Strom, Wasser und Heizung machten ein normales Leben kaum noch möglich. Währenddessen setzt die ukrainische Führung auf internationale Unterstützung und diplomatische Gespräche, unter anderem am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Doch angesichts der anhaltenden Angriffe zeigt sich immer deutlicher: Putins Winteroffensive zielt nicht nur auf militärische Ziele, sondern auf die Widerstandskraft der gesamten ukrainischen Gesellschaft.


