Die Ukraine ist erneut Ziel eines groß angelegten russischen Luftangriffs geworden. Nach Angaben aus Kiew setzte Russland dabei ein bislang beispielloses Arsenal aus Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen ein – darunter auch die neue russische Mittelstreckenrakete „Oreschnik“, die als besonders mächtig gilt. Die Angriffe trafen vor allem zivile Infrastruktur und verschärfen die ohnehin prekäre Versorgungslage im Land mitten im Winter.
Besonders dramatisch ist die Situation in der Hauptstadt. Bürgermeister Vitali Klitschko sprach vom folgenschwersten Angriff auf die Infrastruktur Kiews seit Beginn des Krieges. Rund 6.000 Wohnblocks, etwa die Hälfte aller Mehrfamilienhäuser, könnten derzeit nicht beheizt werden. Nach Angaben des Energieministeriums waren am Freitagmorgen rund 500.000 Haushalte in Kiew und Umgebung ohne Strom. Die städtischen Dienste arbeiteten im Notfallmodus, schrieb Klitschko auf Telegram. Angesichts eisiger Temperaturen riet er den Einwohnern, die Stadt vorübergehend zu verlassen, sofern sie andernorts Zugang zu Wärme und Energie hätten. Eine offizielle Evakuierung sei dies jedoch nicht.
Die ukrainische Luftwaffe meldete, Russland habe Kiew mit mehr als 200 Drohnen sowie Dutzenden Raketen und Marschflugkörpern angegriffen. Mindestens vier Menschen kamen dabei ums Leben, 20 Wohnblocks wurden beschädigt. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem gezielten Angriff auf die zivile Energieversorgung und warf Moskau vor, den Winter bewusst als Waffe einzusetzen.
Auch im Schwarzen Meer kam es zu neuen Eskalationen. Nach Angaben des ukrainischen Wiederaufbauministers Oleksij Kuleba griffen russische Streitkräfte zwei Frachtschiffe an. Eines befand sich auf dem Weg zum Hafen Tschornomorsk, das andere wurde nahe Odessa getroffen. Ein syrisches Besatzungsmitglied sei getötet worden. Die Schiffe transportierten Getreide und Sojabohnen. Kuleba sprach von einem weiteren Beleg dafür, dass Russland gezielt zivile Objekte, internationale Schifffahrt und Lebensmittellogistik ins Visier nehme.
International stößt der Angriff auf scharfe Kritik. Die Bundesregierung verurteilte insbesondere den Einsatz der Mittelstreckenrakete Oreschnik. Russland habe damit erneut eskaliert und zivile Energieinfrastruktur angegriffen, erklärte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer in Berlin. Der Einsatz solcher Waffen sei eine symbolische Drohgebärde, die Angst schüren solle, letztlich aber wirkungslos bleibe.
Selenskyj forderte nach den Angriffen eine klare Reaktion der internationalen Partner, insbesondere der USA. Russland habe in einer einzigen Nacht 242 Drohnen, 13 ballistische Raketen – darunter Oreschnik – sowie 22 Marschflugkörper eingesetzt. Dies sei ein weiterer Beweis dafür, dass Moskau den Krieg bewusst ausweite und keine Rücksicht auf zivile Opfer nehme. Die Ukraine brauche nun mehr denn je entschlossene politische und militärische Unterstützung, um ihre Bevölkerung zu schützen.



Ein Kommentar zu “Klitschko rät Bürgern zum Verlassen von Kiew”