Trotz jahrzehntelanger Aufklärungskampagnen breiten sich sexuell übertragbare Krankheiten in Europa wieder deutlich stärker aus. Neue Zahlen der Europäischen Gesundheitsbehörde European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) zeigen einen drastischen Anstieg bei mehreren bakteriellen Infektionen. Besonders betroffen sind Gonorrhö und Syphilis, deren Fallzahlen 2024 den höchsten Stand seit mehr als zehn Jahren erreicht haben. Die Entwicklung bereitet Gesundheitsexperten große Sorgen. Fachleute warnen vor langfristigen gesundheitlichen Folgen und sehen vor allem bei jüngeren Menschen und Risikogruppen zunehmenden Handlungsbedarf.
Gonorrhö breitet sich massiv aus
Besonders stark stiegen die Fälle von Gonorrhö, umgangssprachlich auch Tripper genannt. Nach Angaben des ECDC wurden im Jahr 2024 europaweit mehr als 106.000 Infektionen registriert. Im Vergleich zu 2015 entspricht das einem Anstieg von über 300 Prozent. Die bakterielle Erkrankung wird vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr übertragen. Unbehandelt kann sie schwerwiegende Folgen haben, darunter chronische Schmerzen, Entzündungen und Unfruchtbarkeit. Experten beobachten zudem mit Sorge, dass manche Erreger zunehmend resistent gegen Antibiotika werden.
Syphilis-Fälle mehr als verdoppelt
Auch bei Syphilis verzeichnet die Behörde eine alarmierende Entwicklung. Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg innerhalb weniger Jahre auf mehr als 45.000 an und hat sich damit seit 2015 mehr als verdoppelt. Besonders problematisch ist die oft späte Diagnose der Krankheit. Anfangs bleiben Symptome häufig unbemerkt oder werden unterschätzt. Ohne Behandlung kann Syphilis schwere Schäden am Herz-Kreislauf-System und am Nervensystem verursachen. Gesundheitsexperten sehen außerdem einen besorgniserregenden Trend bei Frauen im gebärfähigen Alter. Die Infektion tritt zunehmend auch bei Heterosexuellen auf und betrifft längst nicht mehr nur einzelne Risikogruppen.
Dramatischer Anstieg bei Übertragungen auf Neugeborene
Als besonders alarmierend stuft das ECDC die Entwicklung bei sogenannten kongenitalen Syphilis-Fällen ein — also Infektionen, die während der Schwangerschaft von der Mutter auf das Kind übertragen werden. In den 14 europäischen Ländern, die entsprechende Daten meldeten, stieg die Zahl dieser Fälle innerhalb eines Jahres von 78 auf 140 nahezu auf das Doppelte an. Ärzte warnen, dass solche Infektionen für Neugeborene lebensgefährlich sein können und schwere gesundheitliche Schäden verursachen.
Chlamydien bleiben häufigste Infektion
Mit mehr als 213.000 gemeldeten Fällen bleiben Chlamydien weiterhin die am häufigsten registrierte sexuell übertragbare Infektion in Europa. Viele Betroffene bemerken die Erkrankung zunächst nicht, wodurch sie oft unbewusst weiterverbreitet wird. Auch Chlamydien können langfristig zu Unfruchtbarkeit und anderen schweren gesundheitlichen Problemen führen, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden.
Besonders betroffene Gruppen
Nach Angaben des ECDC sind Männer, die Sex mit Männern haben, weiterhin die am stärksten betroffene Gruppe bei Gonorrhö und Syphilis. Gleichzeitig beobachten Fachleute jedoch eine zunehmende Verbreitung auch unter heterosexuellen Menschen. Diese Entwicklung zeigt nach Einschätzung der Behörde, dass sexuell übertragbare Krankheiten längst kein Randphänomen mehr sind. Vielmehr breiten sie sich zunehmend in der gesamten Bevölkerung aus.
Gesundheitsbehörde ruft zu Vorsicht und Tests auf
ECDC-Experte Bruno Ciancio appellierte eindringlich an die Bevölkerung, sich besser zu schützen. Kondome seien insbesondere bei neuen oder mehreren Sexualpartnern weiterhin eine der wirksamsten Schutzmaßnahmen. Zudem rät die Behörde dringend zu regelmäßigen Tests — vor allem bei Symptomen wie Schmerzen, Ausfluss oder offenen Stellen. Früh erkannt lassen sich die meisten bakteriellen Geschlechtskrankheiten gut behandeln und schwere Folgen vermeiden.


