Georgien versprüht Gift aus dem Ersten Weltkrieg

Die Vorwürfe wiegen schwer: Georgiens Regierung soll bei den europaweit beachteten Massenprotesten im vergangenen Jahr einen chemischen Stoff eingesetzt haben, der ursprünglich als Kampfmittel im Ersten Weltkrieg entwickelt wurde. Eine umfassende Recherche des britischen Senders BBC, gestützt auf Aussagen von Medizinern, Betroffenen, Whistleblowern und ehemaligen Polizeibeamten, legt nahe, dass Wasserwerfer der georgischen Polizei mit der Substanz Camite – auch bekannt als Brombenzylcyanid – befüllt gewesen sein könnten. Die Chemikalie gilt als veraltet, hoch toxisch und wurde bereits vor fast hundert Jahren aus militärischen Beständen verbannt, weil sie langfristige Gesundheitsschäden verursachen kann.

Der Verdacht entstand nach massiven Beschwerden zahlreicher Demonstranten, die sich im vergangenen Jahr in Tiflis gegen die Entscheidung der Regierungspartei wandten, EU-Beitrittsgespräche zu unterbrechen. Die Proteste eskalierten, die Polizei setzte hart durch und nach dem Einsatz von Wasserwerfern klagten Hunderte Menschen über extreme Symptome. Der Kinderarzt Konstantine Chakhunashvili berichtete, dass sich seine Haut anfühlte, als würde sie brennen. Rund 350 Betroffene meldeten sich bei ihm und schilderten wochenlange Beschwerden: Atemnot, Husten, Erbrechen, Müdigkeit und starke Hautreaktionen. Viele berichteten, dass Wasser die Symptome sogar verschlimmerte. Chakhunashvili veröffentlichte seine Erkenntnisse in einer wissenschaftlichen Studie, die inzwischen von Fachkollegen begutachtet wurde.

Die BBC konfrontierte daraufhin ehemalige Führungskräfte der georgischen Bereitschaftspolizei. Einer von ihnen, Lasha Shergelashvili, bestätigte, bereits 2009 den Auftrag bekommen zu haben, chemische Zusätze für Wasserwerfer zu testen. Er erklärte, dass die damals verwendete Substanz eine extreme Wirkung gezeigt habe, weit stärker als CS-Gas. Tests hätten ergeben, dass die irritierende, brennende Wirkung kaum nachließ und auch nach intensiver Reinigung nicht abklang. Obwohl er intern vor dem Einsatz warnte, sei der Stoff nach seinen Angaben dennoch in die Wasserwerfer gefüllt worden und vermutlich bis mindestens 2022 im Einsatz gewesen. Shergelashvili und ein weiterer früherer Polizeioffizier bestätigten, dass die gleiche Chemikalie auch während der Proteste Ende 2024 verwendet worden sei.

Die BBC stieß in internen Inventarlisten der Polizei schließlich auf zwei Bezeichnungen, die den Verdacht weiter erhärteten: eine Flüssigkeit mit der UN-Nummer 1710, identifiziert als Trichlorethylen, und ein Chemikalienpulver mit der UN-Nummer 3439. Unter dieser Nummer fällt eine Reihe gefährlicher Industriechemikalien, darunter Camite. Laut dem amerikanischen Toxikologen Christopher Holstege deuten die dokumentierten Symptome, die Belastungsdauer sowie die Berichte aus der Bereitschaftspolizei klar auf dieses Kampfmittel hin. Herkömmliches Tränengas könne solche Langzeitwirkungen nicht hervorrufen. Holstege warnt, dass der Einsatz eines solchen Stoffs als Einsatz chemischer Waffen gewertet werden könnte.

Internationale Fachleute schlagen Alarm. Die UN-Sonderberichterstatterin für Folter, Alice Edwards, kritisierte die fehlende Regulierung für chemische Zusätze in Wasserwerfern und forderte eine unabhängige Untersuchung. Der Einsatz von Substanzen mit derart langanhaltender Wirkung widerspreche den internationalen Regeln für polizeiliche Menschenmengenauflösung.

Die georgische Regierung weist alle Vorwürfe kategorisch zurück und bezeichnet sie als absurd. Man habe rechtmäßig gehandelt und lediglich auf „illegale Handlungen brutaler Krimineller“ reagiert. Während die Regierung weiter abblockt, reißen die Proteste in Tiflis nicht ab. Seit mehr als einem Jahr demonstrieren Tausende täglich gegen eine Regierung, der sie vorwerfen, demokratische Rechte einzuschränken, die Annäherung an Europa auszubremsen und zunehmend autoritär zu handeln. Die politische Krise spitzt sich weiter zu, und die Enthüllungen über den mutmaßlichen Chemikalieneinsatz könnten der Regierung nun erneut internationalen Druck bringen.

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