Kuba erlebt die schwerste Energiekrise seit Jahrzehnten. Erneut ist das Stromnetz der Karibikinsel nahezu vollständig zusammengebrochen. Es ist bereits der dritte landesweite Blackout innerhalb dieses Jahres – und für viele Menschen ein weiteres Zeichen dafür, dass die staatliche Infrastruktur an ihre Grenzen stößt. Nach Angaben des staatlichen Energieversorgers stand zuletzt einer Stromnachfrage von rund 3.100 Megawatt lediglich eine Produktion von 935 Megawatt gegenüber. Das Defizit von mehr als 2.000 Megawatt führte schließlich zum Zusammenbruch großer Teile des Netzes und ließ Millionen Menschen ohne Elektrizität zurück.
Veraltete Kraftwerke und Treibstoffmangel treiben die Krise an
Die Ursachen der Energiekrise reichen weit über den Mangel an Erdöl hinaus. Experten sprechen von jahrzehntelangem Investitionsstau, maroden Kraftwerken und einer Infrastruktur, die vielerorts längst das Ende ihrer technischen Lebensdauer erreicht hat. Hinzu kommen fehlende Ersatzteile, Engpässe bei Schmierstoffen und der Mangel an chemischen Zusatzstoffen, die für die Verarbeitung des besonders schwefelhaltigen kubanischen Rohöls notwendig sind. Dadurch fallen immer mehr Kraftwerksblöcke aus oder können nur eingeschränkt betrieben werden.
Ohne Strom fehlt auch das Wasser
Für die Bevölkerung hat der Stromausfall längst dramatische Folgen für den Alltag. In vielen Regionen funktioniert ohne Elektrizität auch die Wasserversorgung nicht mehr, da Pumpen und Verteilersysteme stillstehen. Bewohner berichten von sinkenden Wasserreserven in privaten Tanks auf Hausdächern und zunehmenden Schwierigkeiten bei der Versorgung mit Trinkwasser. Besonders in den heißen Sommermonaten droht sich die Situation weiter zu verschärfen.
Dollarisierung verschärft soziale Spannungen
Parallel zur Versorgungskrise wächst die soziale Unzufriedenheit auf der Insel. Oppositionelle kritisieren, dass der Staat immer mehr Dienstleistungen faktisch an den Besitz von US-Dollar knüpft. Demnach werden bestimmte Angebote wie Gasversorgung oder Teile des Gesundheitswesens zunehmend in harter Währung abgerechnet. Für viele Kubaner ohne Zugang zu Devisen verschärft dies die ohnehin prekäre wirtschaftliche Lage zusätzlich.
Proteste nehmen deutlich zu
Die Energiekrise sorgt inzwischen auch für politischen Druck auf die Regierung in Havanna. Nach Angaben der kubanischen Beobachtungsstelle für Konflikte wurden allein im Juni 107 Protestaktionen registriert. Immer häufiger ziehen Bürger durch die Straßen, schlagen mit Kochlöffeln auf Töpfe und fordern eine verlässliche Versorgung mit Strom und Wasser. Die Demonstrationen erinnern an die landesweiten Proteste vom Juli 2021, die als die größten Kundgebungen seit Jahrzehnten auf Kuba gelten.
US-Embargo bleibt zentraler Streitpunkt
Die kubanische Regierung macht weiterhin vor allem das seit Jahrzehnten bestehende US-Embargo für die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich. Kritiker sehen die Ursachen dagegen sowohl in den Sanktionen als auch in strukturellen Schwächen der zentral gesteuerten Wirtschaft und fehlenden Investitionen in die Infrastruktur. Die Debatte über Verantwortung und Reformbedarf dürfte sich mit jedem weiteren Stromausfall weiter verschärfen.
Aussicht auf schnelle Entspannung gering
Auch nach der teilweisen Wiederherstellung des Netzes bleibt die Lage angespannt. Zeitweise verfügten selbst in der Hauptstadt Havanna nur wenige Prozent der Haushalte über eine funktionierende Stromversorgung. Experten gehen davon aus, dass die Insel noch über Monate hinweg mit regelmäßigen Stromabschaltungen und regionalen Blackouts rechnen muss. Für viele Kubaner wird die Energiekrise damit zunehmend zur existenziellen Belastung – und für die Regierung zu einer politischen Bewährungsprobe.


