Das Kernkraftwerk Tschernobyl befindet sich Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von 1986 weiterhin in einem langwierigen Prozess der Stilllegung. Während der zerstörte Reaktorblock 4 aufgrund der enormen radioaktiven Altlasten eine Sonderstellung einnimmt, schreitet die Vorbereitung für die endgültige Stilllegung der drei anderen Reaktoren voran. Nach Angaben des Betreibers sind inzwischen 94 Prozent der vorbereitenden Arbeiten an Block 2 abgeschlossen. Bei Block 1 liegt der Fortschritt bei 44 Prozent. Für Block 3 laufen derzeit die Planungen; die eigentlichen Arbeiten sollen dort 2027 beginnen. Die laufenden Vorbereitungen sollen insgesamt bis Ende 2028 abgeschlossen sein.
Drei Reaktoren werden für die Langzeitlagerung vorbereitet
Die Blöcke 1, 2 und 3 sind allesamt Reaktoren des sowjetischen Typs RBMK-1000. Nach dem Unfall von 1986 wurden sie nicht sofort endgültig aufgegeben. Die ersten beiden Blöcke gingen zunächst wieder in Betrieb, Block 3 folgte ebenfalls. Erst über die Jahre wurde der gesamte Standort schrittweise vom Stromproduzenten zum Stilllegungs- und Rückbauprojekt. Block 1 wurde 1996 endgültig abgeschaltet, Block 2 bereits 1991. Block 3 lief als letzter Reaktor des Standorts noch bis Dezember 2000. Damit endete der reguläre Leistungsbetrieb des Kernkraftwerks fast 15 Jahre nach der Katastrophe. Seitdem geht es nicht mehr um Energieerzeugung, sondern um eine kontrollierte Reduzierung der nuklearen Risiken.
Was derzeit in den Gebäuden passiert
Die aktuellen Arbeiten wirken auf den ersten Blick unspektakulär, sind für die langfristige Sicherheit des Standorts jedoch entscheidend. In den sogenannten Konservierungsbereichen werden nicht mehr benötigte technische Systeme und Komponenten zurückgebaut. Dazu gehört unter anderem die Entfernung von Wärmeisolierungen und brennbaren Materialien. Auch Strom-, Signal- und Steuerkabel werden ausgebaut. Gleichzeitig verschließen die Beschäftigten Wanddurchführungen sowie Montage- und Prozessöffnungen. An bestimmten Stellen werden zusätzlich feuerbeständige Platten und Matten installiert. Damit sollen die Gebäude auf die nächste Phase der Stilllegung vorbereitet und mögliche Risiken während der jahrzehntelangen Lagerung reduziert werden.
Chornobyl setzt auf eigenes Personal
Ein bemerkenswerter Aspekt des aktuellen Projekts: Ein großer Teil der vorbereitenden Arbeiten wird durch Mitarbeiter des Kernkraftwerks selbst erledigt. Nach Angaben des Leiters des Engineering Centre des Kraftwerks, Maksym Protsenko, werden die Arbeiten im laufenden Betrieb und auf Grundlage speziell ausgearbeiteter Arbeitspläne durchgeführt. Damit nutzt der Betreiber das vorhandene technische Wissen seiner Beschäftigten unmittelbar für die Stilllegung. Für einen Standort wie Tschernobyl ist dieses Know-how von erheblicher Bedeutung. Viele der Anlagen sind Jahrzehnte alt, teilweise hochgradig kontaminiert und technisch eng mit der Geschichte des Unfalls und den nachfolgenden Sanierungsmaßnahmen verbunden.
Vier Phasen bis zur endgültigen Stilllegung
Der Rückbau des Kernkraftwerks ist als mehrstufiger Prozess angelegt. Die derzeit laufende zweite Phase umfasst die endgültige Stilllegung und Konservierung der Reaktoranlagen 1 bis 3. Die erste Phase wurde bereits 2015 abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt waren sämtliche Reaktoren außer Betrieb und der noch vorhandene Kernbrennstoff aus den Blöcken entfernt und in eine Zwischenlagerstätte für abgebrannte Brennelemente überführt worden. Nach Abschluss der aktuellen Arbeiten sollen weitere technische Einrichtungen demontiert werden. Teilweise ist vorgesehen, Gebäudebereiche um 12 bis 16 Meter abzusenken. Außerdem sollen unter anderem Lade- und Entladeeinrichtungen sowie Hebemechanismen verschwinden.
Ab 2034 beginnt die lange Phase der sicheren Lagerung
Das Ziel ist nicht, die Reaktorgebäude kurzfristig vollständig verschwinden zu lassen. Stattdessen sollen die Anlagen zunächst in einen Zustand gebracht werden, in dem sie über lange Zeit kontrolliert und sicher gelagert werden können. Diese Phase soll nach derzeitiger Planung 2034 beginnen. Voraussetzung ist, dass zuvor nachgewiesen wurde, dass die verbleibenden radioaktiven Materialien innerhalb der vorgesehenen technischen und zeitlichen Grenzen sicher verwahrt werden können. Während dieser Zeit wird die natürliche Abnahme der Radioaktivität eine wichtige Rolle spielen. Gleichzeitig müssen die stillgelegten Anlagen regelmäßig kontrolliert werden.
Radioaktiver Abfall bleibt eine zentrale Aufgabe
Beim Rückbau entstehen zwangsläufig weitere radioaktive Abfälle. Diese müssen gesammelt, entsprechend ihrer Eigenschaften behandelt und anschließend an spezialisierte Einrichtungen zur weiteren Entsorgung übergeben werden. Parallel dazu sollen Barrieren gegen die Freisetzung radioaktiver Stoffe verstärkt werden. Komponenten, die nicht unmittelbar demontiert werden, müssen dauerhaft gesichert und konserviert bleiben. Der Rückbau eines Kernkraftwerks ist deshalb wesentlich mehr als ein gewöhnlicher Gebäudeabriss. Jeder Arbeitsschritt muss unter radiologischen, technischen und brandschutztechnischen Gesichtspunkten geplant werden.
Die nächste große Etappe: Demontage der Reaktoren
Nach der Konservierungsphase soll schließlich die eigentliche Demontage der Reaktoranlagen folgen. Systeme und Komponenten, die weiterhin als Quellen ionisierender Strahlung eingestuft werden, sollen dann schrittweise ausgebaut und in dafür vorgesehene Einrichtungen für radioaktive Abfälle verbracht werden. Wann dieser Prozess vollständig abgeschlossen sein wird, lässt sich heute nur schwer bestimmen. Die Betreiber planen bewusst langfristig, weil die radioaktiven Hinterlassenschaften des Kraftwerks teilweise über sehr lange Zeiträume eine kontrollierte Behandlung erfordern.
Reaktorblock 4 bleibt das größte Problem
Eine völlig andere Situation besteht bei Block 4. Dort ereignete sich am 26. April 1986 der katastrophale Unfall, bei dem der Reaktor zerstört wurde. Im Inneren befinden sich weiterhin große Mengen hochradioaktiven Materials. Nach Angaben von World Nuclear News werden dort schätzungsweise rund 200 Tonnen radioaktives Material vermutet. Der ursprünglich errichtete sogenannte Sarkophag sollte die zerstörte Reaktoreinheit zunächst provisorisch einschließen. Für eine langfristige Sicherung war diese Konstruktion jedoch nicht ausgelegt.
Der „New Safe Confinement“ wurde selbst beschädigt
Deshalb wurde über dem alten Schutzbauwerk der sogenannte „New Safe Confinement“ errichtet. Die gigantische Stahlkonstruktion überspannt den zerstörten Reaktor und soll die Freisetzung radioaktiver Stoffe verhindern beziehungsweise kontrollieren. Das Bauwerk besitzt eine Spannweite von 257 Metern, ist 162 Meter lang und 108 Meter hoch. Sein Gesamtgewicht beträgt rund 36.000 Tonnen. Die geplante Lebensdauer liegt bei etwa 100 Jahren. Doch auch dieses Schutzsystem steht inzwischen vor erheblichen Herausforderungen.
Drohnenangriff erschwert Sicherungsarbeiten
Am 14. Februar 2025 wurde der Neue Sichere Einschluss durch einen Drohnenangriff beschädigt. Nach Angaben des Kraftwerks hat der Angriff dazu geführt, dass die Konstruktion ihre ursprüngliche Fähigkeit zur vollständigen Abdichtung des Innenraums verloren hat. Die eigentliche Schutzfunktion des Systems und die Stabilität des Standorts stehen dabei weiterhin im Mittelpunkt der Arbeiten. Die Ukraine und internationale Partner arbeiten deshalb an der Wiederherstellung der vorgesehenen Funktionen des Schutzsystems. Erst danach können weitere langfristige Sicherheitsmaßnahmen am ursprünglichen Schutzbauwerk über Reaktor 4 in vollem Umfang umgesetzt werden.
Damit zeigt sich eine besondere Problematik des Standorts: Die Stilllegung der drei intakten Reaktoren kann langfristig geplant und Schritt für Schritt umgesetzt werden. Beim zerstörten Block 4 müssen dagegen die Folgen des historischen Unfalls, die enormen Mengen radioaktiven Materials und die Folgen des aktuellen Krieges gleichzeitig berücksichtigt werden.
Tschernobyl bleibt eine Aufgabe für Generationen
Der Fortschritt bei den Blöcken 1 bis 3 markiert einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur endgültigen Stilllegung des ehemaligen Kernkraftwerks. Von einem „Ende“ Tschernobyls kann dennoch keine Rede sein. Selbst wenn die derzeitigen Arbeiten bis 2028 abgeschlossen werden und die kontrollierte Lagerungsphase ab 2034 beginnt, bleibt der Standort über Jahrzehnte eine nukleare Sicherheitsaufgabe.


