Deutschland muss sich nach Einschätzung des KNDS-Deutschlandchefs Florian Hohenwarter deutlich stärker auf hybride Bedrohungen einstellen. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung warnt der Manager vor einer zunehmenden Ausspähung und einer Gefährdung der deutschen Wirtschaft. Seine Botschaft ist deutlich: Die Sicherheitslage habe sich grundlegend verändert – und Unternehmen müssten sich darauf einstellen.
„Ganz Deutschland wird ausgespäht“, sagte Hohenwarter. Aus seiner Sicht handelt es sich dabei nicht um eine abstrakte Gefahr. Vielmehr müsse sich die deutsche Gesellschaft bewusst machen, dass sich das Land in einer kritischen Situation befinde. Besonders für die Rüstungsindustrie gewinnt diese Einschätzung an Bedeutung, weil deutsche Unternehmen inzwischen eine zentrale Rolle beim Ausbau der europäischen Verteidigungsfähigkeit spielen.
Ausspähung, Drohnen und Sabotage
Hohenwarters Warnung fällt in eine Phase, in der deutsche Sicherheitsbehörden zunehmend mit unterschiedlichen Formen hybrider Aktivitäten konfrontiert sind. Dazu gehören unter anderem Spionage, Cyberangriffe, die Beobachtung kritischer Infrastruktur, Sabotage und der Einsatz von Drohnen. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt eine erhöhte Gefährdungslage. Das Spektrum reicht demnach von der Auskundschaftung kritischer Infrastruktur über Cyberangriffe bis hin zu Hinweisen auf mögliche physische Gewalt gegen Personen aus Wirtschaft und Gesellschaft.
Damit verschiebt sich die klassische Vorstellung von Spionage. Nicht mehr ausschließlich militärische Geheimnisse oder streng geheime Regierungsunterlagen stehen im Mittelpunkt. Informationen über Produktionskapazitäten, Lieferketten, Unternehmensstandorte, technische Anlagen oder sicherheitsrelevante Abläufe können ebenfalls von strategischem Wert sein.
Rüstungsindustrie besonders im Fokus
Für KNDS ist die Entwicklung von besonderer Bedeutung. Das deutsch-französische Unternehmen produziert unter anderem Leopard-Kampfpanzer, Puma-Schützenpanzer, Boxer-Fahrzeuge sowie Artillerie- und Aufklärungssysteme. KNDS Deutschland beschäftigt nach eigenen Angaben mehr als 4.000 Menschen an verschiedenen Standorten. Mit der deutschen Zeitenwende und den deutlich steigenden Verteidigungsausgaben wächst gleichzeitig die Bedeutung der Rüstungsindustrie. Die Unternehmen sollen ihre Produktionskapazitäten ausbauen und in deutlich kürzerer Zeit größere Stückzahlen liefern. Genau diese Entwicklung macht die Branche für Nachrichtendienste und andere Akteure interessant. Je stärker Deutschland seine militärischen Fähigkeiten ausbaut, desto wertvoller werden Informationen über Produktionsanlagen, Zulieferer und technologische Fähigkeiten.
Hybrider Krieg findet nicht nur im Internet statt
Der Begriff „hybride Bedrohung“ umfasst wesentlich mehr als klassische Cyberattacken. Gemeint ist ein Zusammenspiel verschiedener Mittel, mit denen ein Staat oder eine andere Organisation politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Druck ausüben kann. Dazu können Desinformation, Spionage, Cyberangriffe, Sabotage, Drohnenoperationen oder die gezielte Ausspähung von Personen und Einrichtungen gehören. Gerade die Kombination dieser Methoden macht die Bedrohung schwerer erkennbar. In Deutschland haben zuletzt mehrere Vorgänge die Debatte über solche Aktivitäten verschärft. Dazu zählen unter anderem Ermittlungen im Zusammenhang mit Drohnen- und Sabotagefällen sowie der gescheiterte Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig/Halle. Die Bundesregierung macht Russland für den dortigen Vorfall verantwortlich; Moskau weist die Vorwürfe zurück.
Sicherheitsbehörden registrieren erhöhten Druck
Nach Angaben des Verfassungsschutzes gibt es inzwischen ein erhöhtes Hinweisaufkommen. Beobachtet werden unter anderem Aktivitäten gegen kritische Infrastruktur, wirtschaftliche Einrichtungen und politische Akteure. Damit bekommt die Warnung des KNDS-Managers einen größeren sicherheitspolitischen Kontext. Unternehmen werden zunehmend selbst zu einem Bestandteil der nationalen Sicherheitsarchitektur. Das betrifft nicht nur große Rüstungskonzerne. Auch Energieversorger, Logistikunternehmen, Telekommunikationsanbieter, Verkehrsbetriebe und spezialisierte Zulieferer können attraktive Ziele sein.
Staat soll stärker mit Unternehmen zusammenarbeiten
Aus Hohenwarters Sicht muss Deutschland deshalb seine Vorbereitung auf hybride Gefahren verbessern. Es gehe nicht allein darum, Produktionsanlagen physisch zu schützen. Notwendig seien auch widerstandsfähige digitale Strukturen, eine bessere Sensibilisierung von Beschäftigten und ein enger Austausch zwischen Staat und Wirtschaft. Gerade bei Unternehmen mit sicherheits- und verteidigungspolitischer Bedeutung dürfte die Frage wichtiger werden, welche Informationen öffentlich zugänglich sind und wer Zugriff auf interne Systeme und Produktionsabläufe erhält. Die klassische Trennung zwischen staatlicher Sicherheitspolitik und Unternehmensschutz wird damit zunehmend unscharf.
KNDS vor strategischer Neuordnung
Hohenwarter äußerte sich in dem Interview nicht nur zur Sicherheitslage, sondern auch zur Zukunft von KNDS. Der geplante Börsengang des Konzerns war im Juli zunächst abgesagt beziehungsweise auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Als Grund wurden die damaligen Marktbedingungen genannt. Trotzdem hält Hohenwarter grundsätzlich an einem späteren Börsengang fest. Er kann sich dabei Deutschland als Ankeraktionär an der Seite Frankreichs vorstellen. Einen möglichen deutschen Staatsanteil von 50 Prozent hält er allerdings für eher unwahrscheinlich. Eine staatliche Beteiligung könnte aus seiner Sicht strategische Vorteile haben. Bei einem Unternehmen mit zentraler Bedeutung für die deutsche und europäische Verteidigungsindustrie geht es schließlich nicht allein um wirtschaftliche Interessen, sondern auch um technologische Souveränität und langfristige Versorgungssicherheit.
Die Warnung ist ein Signal an Politik und Wirtschaft
Die Aussage „Ganz Deutschland wird ausgespäht“ sollte nicht als wörtliche Feststellung verstanden werden, wonach jeder Ort oder jedes Unternehmen permanent überwacht wird. Sie beschreibt vielmehr die Einschätzung eines führenden Rüstungsmanagers, dass Deutschland insgesamt stärker mit Spionage und hybriden Einflussversuchen rechnen müsse. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass sich der Schutz von Unternehmen zunehmend zu einer sicherheitspolitischen Aufgabe entwickelt. Für die Rüstungsindustrie gilt dies in besonderem Maße.
Deutschland baut seine Verteidigungsfähigkeit aus – und damit wächst gleichzeitig das Interesse potenzieller Gegner an deutschen Technologien, Produktionskapazitäten und strategischen Entscheidungen. Die entscheidende Frage wird deshalb sein, wie gut Staat und Wirtschaft auf diese neue Form der Auseinandersetzung vorbereitet sind.


