Nach den massiven Luftangriffen der USA und Israel auf Ziele im Iran wächst in Europa die Sorge vor einer asymmetrischen Gegenreaktion des Mullah-Regimes. Während Israel den Ausnahmezustand ausgerufen und seine Bevölkerung angewiesen hat, Schutzräume bereitzuhalten, richtet sich der Blick der Sicherheitsbehörden in Berlin und Brüssel auf ein anderes Szenario: mögliche iranische „Schläfer“ in Europa.
Furcht vor verdeckten Vergeltungsaktionen
Unter „Schläfern“ verstehen Sicherheitskreise unauffällige Personen ohne offene Verbindung zu einem fremden Staat, die im Eskalationsfall aktiviert werden können. Sie gelten als potenzielle Instrumente für Sabotage, Attentate oder Anschläge auf symbolträchtige Ziele. Nach Einschätzung von Experten könnte Teheran solche Strukturen als eine Art verdeckte Zweitschlagsoption nutzen – also als Möglichkeit, auch fernab klassischer Schlachtfelder Vergeltung zu üben. Anders als bei militärischen Zweitschlagskapazitäten geht es dabei nicht um Raketen oder U-Boote, sondern um verdeckt operierende Netzwerke.
Historisch griffen iranische Dienste dabei nicht ausschließlich auf Staatsbürger des Iran zurück. Häufig stammten Unterstützer aus schiitisch geprägten Milieus im Libanon, in Pakistan oder Afghanistan.
Hisbollah im Fokus
Parallel zu den Angriffen auf iranisches Territorium soll Israels Militär auch Stellungen der Hisbollah im Libanon bombardiert haben. Der katarische Sender Al Araby berichtete von mindestens zehn Attacken. Auch irakische Milizen mit Nähe zu Teheran seien Ziel von Explosionen gewesen. In Berlin trat noch am selben Tag der Krisenstab der Bundesregierung zusammen. Die Sicherheitslage werde fortlaufend bewertet, hieß es aus Regierungskreisen.
Schutz jüdischer Einrichtungen verstärkt
In Deutschland stehen israelische, jüdische und amerikanische Einrichtungen seit Jahren unter besonderem Polizeischutz. Besonders im Raum Berlin – Sitz der israelischen Botschaft – ist die Präsenz hoch. Die Behörden erklärten, man beobachte die Entwicklung sehr genau und könne bei Bedarf zusätzliche Kräfte mobilisieren.
Konkrete Gefährdungshinweise gibt es bislang nicht. Gleichwohl gilt die Bedrohungslage als angespannt.
Frühere Fälle iranischer Spionage
Dass iranische Dienste in Deutschland aktiv sind, ist dokumentiert. 2017 wurde ein pakistanischer Student in Berlin wegen Agententätigkeit verurteilt. Er hatte im Auftrag der Revolutionsgarden den SPD-Politiker Reinhold Robbe ausgespäht, der als Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft als mögliches Anschlagsziel galt.
Bereits 1992 erschossen Attentäter in Berlin vier kurdische Oppositionelle – ein Anschlag, der iranischen Geheimdienststrukturen zugerechnet wurde. In den Jahren zuvor waren europaweit Exil-Iraner Ziel tödlicher Attacken geworden. Erst im April 2025 nahmen Ermittler in Berlin-Neukölln einen mutmaßlichen Hisbollah-Kämpfer fest. Der 29-Jährige soll im Libanon militärisch ausgebildet worden sein und steht derzeit vor Gericht.
Auch Cyberangriffe werden iranischen Akteuren zugeschrieben. So sollen iranische Dienste hinter dem Hackerangriff auf die Berliner Justizsenatorin Felor Badenberg stehen.
Europa im Schatten des Nahost-Konflikts
Mit der Eskalation im Nahen Osten wächst die Sorge, dass der Konflikt indirekt nach Europa getragen werden könnte – nicht durch Raketen, sondern durch verdeckte Operationen. Sicherheitsbehörden warnen vor Überreaktionen, betonen aber zugleich die Notwendigkeit erhöhter Wachsamkeit.
Die kommenden Tage dürften zeigen, ob Teheran auf militärische Niederlagen mit verdeckten Aktionen reagiert – oder ob es bei Drohkulissen bleibt. Klar ist: Europas Sicherheitsarchitektur steht unter Spannung wie lange nicht.


