Eine sicherheitspolitische Debatte von historischer Tragweite gewinnt in Deutschland an Dynamik. Der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) fordert offen eine atomare Abschreckungsfähigkeit Europas – und begründet dies mit einer veränderten Weltlage.
Fischer: Europa muss nuklear handlungsfähig werden
In einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärte Fischer, Europa müsse eigenständig für seine nukleare Sicherheit sorgen. Die amerikanische Schutzgarantie sei nicht länger verlässlich kalkulierbar. Daraus folge: Europa dürfe sich nicht mehr ausschließlich auf die nukleare Abschirmung durch die USA verlassen.
Eine deutsche Atombombe lehnt Fischer jedoch kategorisch ab. Aus der Geschichte ergebe sich für Deutschland eine besondere Verantwortung. Führung ja – aber niemals im nationalen Alleingang. Eine atomare Bewaffnung dürfe ausschließlich im europäischen Verbund organisiert werden. Deutschland solle „nie wieder allein agieren“, sondern gemeinsam mit seinen Partnern handeln.
Sein Vorschlag zielt damit auf eine gemeinsame nukleare Strategie der Europäischen Union – ein Paradigmenwechsel in der deutschen Sicherheitspolitik.
„Wir werden bedroht“
Fischer zeichnet ein düsteres Bild der geopolitischen Lage. Europa sei realen Bedrohungen ausgesetzt. Wäre er heute jung, würde er Wehrdienst leisten, erklärte der frühere Grünen-Politiker. Abrüstung sei unter den aktuellen Bedingungen keine Option mehr. Nur militärische Stärke und glaubwürdige Abschreckung könnten einen „aggressionsbereiten Nachbarn“ von einem Angriff abhalten. Dass er selbst diese Position vertrete, überrasche ihn angesichts seiner politischen Biografie, räumte Fischer ein. Jahrzehntelang habe er für Abrüstung und Diplomatie gestanden.
Sein Fazit: Europa habe sich zu lange in der Illusion eines dauerhaften Friedens gewiegt. Nun müsse man Defizite durch rasche und umfassende Aufrüstung ausgleichen.
Deutsche Bombe? Experten fordern Grundsatzdebatte
Während Fischer auf eine europäische Lösung setzt, wächst zugleich die Zahl der Stimmen, die eine nationale Option zumindest diskutieren wollen. Harald Biermann, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn, bezeichnete die nukleare Frage als Kern staatlicher Souveränität. Deutschland müsse sich dieser Debatte stellen, es gehe um die Existenz der Bundesrepublik.
Auch technisch erscheint das Szenario nach Einschätzung mancher Experten nicht utopisch. Der langjährige Nuklearforscher Rainer Moormann vom Forschungszentrum Jülich erklärte, Deutschland verfüge über das nötige Know-how. Innerhalb von etwa drei Jahren sei der Bau einer Atombombe grundsätzlich möglich.
Tabubruch mit Signalwirkung
Die Diskussion markiert einen tiefgreifenden Stimmungswandel. Jahrzehntelang galt eine atomare Bewaffnung Deutschlands als politisches Tabu. Nun wird selbst in höchsten politischen Kreisen über nukleare Optionen gesprochen – sei es europäisch koordiniert oder national gedacht. Ob es tatsächlich zu einer strategischen Neuausrichtung kommt, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die sicherheitspolitische Architektur Europas steht auf dem Prüfstand – und die Debatte über Abschreckung, Souveränität und Verantwortung hat gerade erst begonnen.


