Großbritannien treibt seine militärische Unterstützung für die Ukraine auf eine neue Stufe. Die Regierung in London hat ein ambitioniertes Waffenprogramm angekündigt, das die Schlagkraft der ukrainischen Streitkräfte weit über die aktuellen Frontlinien hinaus erhöhen soll. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer neuen Langstreckenrakete mit dem Projektnamen „Nightfall“, die Ziele tief im rückwärtigen Raum Russlands erreichen könnte.
Wie aus einer am 11. Januar veröffentlichten Mitteilung der britischen Regierung hervorgeht, hat London offiziell die Entwicklung einer ballistischen Langstreckenrakete für die Ukraine gestartet. Das System soll eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern besitzen und damit Angriffe auf Logistikzentren, Gefechtsstände und kritische Infrastruktur ermöglichen, die bislang außerhalb der Reichweite ukrainischer Waffen lagen. Britische Behörden sprechen von einem gezielten Schritt, um Kyjiws Fähigkeit zu stärken, russische Kräfte auch jenseits der Front effektiv unter Druck zu setzen.
Ein zentrales Merkmal von „Nightfall“ ist seine Auslegung für den Einsatz unter Bedingungen intensiver elektronischer Kriegsführung. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums wird die Rakete so konzipiert, dass sie auch bei gestörten oder vollständig ausgefallenen GPS- und Satellitensignalen präzise eingesetzt werden kann. Diese Fähigkeit gilt als entscheidend, da elektronische Störmaßnahmen auf dem Schlachtfeld zunehmend an Bedeutung gewinnen. Geplant ist ein hochexplosiver Gefechtskopf mit einem Gewicht von rund 200 Kilogramm sowie eine sehr hohe Treffgenauigkeit mit einer Kreisfehlerwahrscheinlichkeit von maximal fünf Metern.
Die Rakete soll von mobilen Startplattformen aus abgefeuert werden können, die mehrere Geschosse in kurzer Folge starten und anschließend rasch den Standort wechseln. Damit soll die Verwundbarkeit gegenüber russischen Gegenangriffen minimiert werden. Die Entwicklung ist bewusst auf Geschwindigkeit ausgelegt. Bis März 2026 will das britische Verteidigungsministerium drei Ingenieurteams auswählen, die jeweils rund 12,1 Millionen US-Dollar erhalten, um in einem beschleunigten Verfahren erste Prototypen zu bauen.
Verteidigungsminister John Healey betonte, das Projekt setze auf schnelle Prototypenentwicklung, schrittweise Verbesserung, hohe Widerstandsfähigkeit gegen elektronische Störungen und die Fähigkeit, die Produktion zügig hochzufahren. Ziel sei es, möglichst rasch einsatzfähige Systeme bereitzustellen.
Auch wirtschaftliche Vorgaben sind Teil des Programms. Die Kosten pro Rakete sollen 800.000 Pfund Sterling nicht überschreiten. Langfristig peilt London eine Produktionsrate von mindestens zehn Raketen pro Monat an, die sowohl den Bedarf Großbritanniens als auch den der Ukraine decken soll. Für die erste Phase wurde ein wettbewerbliches Verfahren für britische Unternehmen eröffnet, die die Testmodelle liefern sollen.
Das Projekt steht in einem klaren politischen Kontext. Healey unterstrich zuletzt erneut die harte Linie Londons gegenüber Moskau und erklärte, er würde den russischen Präsidenten Wladimir Putin festnehmen und wegen Kriegsverbrechen vor Gericht bringen, sollte sich die Gelegenheit dazu bieten. Aussagen wie diese verdeutlichen, dass „Nightfall“ nicht nur ein militärisches, sondern auch ein strategisches Signal ist: Großbritannien ist bereit, Kyjiw Fähigkeiten an die Hand zu geben, die den Krieg in eine neue Reichweitendimension führen könnten.


