Deutschland fehlen mehr als 70 Gaskraftwerke

Berlin. Deutschlands Energiesystem steht vor einer kritischen Belastungsprobe. Während Kohlekraftwerke altersschwach sind und Schritt für Schritt abgeschaltet werden, ist der Ausstieg aus der Kernkraft längst besiegelt. Doch auch in einem klimaneutralen Stromsystem muss die Versorgung rund um die Uhr gesichert sein – auch dann, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint. Um diese Lücken zu schließen, sollen bis 2035 rund 71 neue Gaskraftwerke gebaut werden. So fordert es ein neuer Bericht zur Versorgungssicherheit der Bundesnetzagentur (BNetzA). Doch die Umsetzung ist alles andere als gesichert – und die Zeit drängt.

Milliardeninvestitionen für Kraftwerke, die kaum laufen werden

Die geplanten Kraftwerke sollen in erster Linie als Reserve dienen – einspringen, wenn erneuerbare Energien nicht ausreichen. Damit das gelingt, müssten Milliarden investiert werden: Jedes Gaskraftwerk kostet zwischen 600 und 800 Millionen Euro. Weil sie nur wenige Wochen im Jahr laufen, ist der produzierte Strom teuer. Der Bund plant staatliche Förderungen, doch diese stehen unter dem Vorbehalt der beihilferechtlichen Genehmigung durch die EU-Kommission. Eine Entscheidung aus Brüssel steht noch aus – eine Verzögerung, die die Bauzeit weiter gefährden könnte.

Lieferengpässe und Fachkräftemangel als Bremsklötze

Das größte Problem: Der Bau der Anlagen ist technisch und logistisch hochkomplex. Die Lieferzeiten für zentrale Komponenten wie Turbinen sind lang, die Lieferketten angespannt, und die Hersteller weltweit bereits gut ausgelastet. Während Großkonzerne wie RWE sich frühzeitig Produktionskapazitäten gesichert haben, geraten kommunale Projekte ins Hintertreffen. Dort müssen oft erst noch Planungsverfahren gestartet werden. Von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme vergehen laut Branchenschätzungen fünf bis sechs Jahre – zu viel Zeit angesichts der politischen Zielvorgabe für 2035.

Wasserstofffähig, aber schwer umsetzbar

Hinzu kommen technologische Hürden: Die Kraftwerke sollen möglichst wasserstofffähig gebaut werden, um langfristig klimaneutral betrieben werden zu können. Doch das stellt Hersteller vor zusätzliche Herausforderungen. Neue Materialien, gesteigerte Effizienzanforderungen und die Notwendigkeit, sich auf eine neue Energieinfrastruktur einzustellen, verlängern die Entwicklungszeiten – und machen den Bau teurer.

Industrie warnt: „Ohne klare Rahmenbedingungen keine Kraftwerke“

Der Maschinenbauverband VDMA warnt vor einem sich schnell zuspitzenden Problem: Der weltweite Bedarf an Kraftwerken steigt, während die Kapazitäten der Hersteller nur langsam angepasst werden können. Wer jetzt nicht handelt, werde auf dem globalen Markt keine Anlagen mehr rechtzeitig kaufen können, warnen Brancheninsider. Die Ausschreibungen für neue Kapazitäten müssten jetzt kommen, so der Appell der Industrie.

Berlin in der Warteschleife – Brüssel entscheidet mit

Im Bundeswirtschaftsministerium ist das Problem längst angekommen. Die Ausschreibungen sollen möglichst bis Ende 2025 erfolgen. Doch ohne die Zustimmung der EU geht nichts. Ein Sprecher erklärt: „Wir arbeiten in intensivem Austausch mit der Europäischen Kommission daran, bis Ende des Jahres Klarheit über die Ausschreibungen zu haben.“

Doch je länger der politische Prozess dauert, desto schlechter sind die Chancen, die Anlagen rechtzeitig fertigzustellen. Schon jetzt ist klar: Ohne entschlossenes Handeln droht der Energiewende ein schwerer Rückschlag. Und Deutschland könnte im schlimmsten Fall mit dem Worst Case konfrontiert werden: Stromausfälle und Produktionsstillstände – in einem der führenden Industrieländer Europas.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert