Deutschland stellt sich auf eine neue Dimension des Bevölkerungsschutzes ein. Im November 2026 soll die bundesweite Krisenmanagementübung LÜKEX 26 eine außergewöhnliche Lage aus extremer Hitze und lang anhaltender Dürre simulieren. Mehr als 180 Organisationen sollen dabei das gemeinsame Krisenmanagement von Bund, Ländern und weiteren beteiligten Stellen überprüfen. Das Szenario ist bewusst gewählt: Eine lang anhaltende Trockenperiode trifft auf eine extreme Hitzewelle. Die Folgen beschränken sich dabei nicht auf einzelne Regionen oder einen bestimmten Bereich. Vielmehr könnte eine solche Lage gleichzeitig das Gesundheitswesen, die Trinkwasserversorgung, die Landwirtschaft, die Energieversorgung, den Verkehr und weitere Teile der kritischen Infrastruktur belasten.
Koordiniert wird die Übung vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). LÜKEX steht für „Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung“. Ziel ist es, die Zusammenarbeit auf strategischer Ebene zu verbessern und Schwachstellen im nationalen Krisenmanagement zu erkennen, bevor eine reale Katastrophe eintritt.
Hitzewelle und Dürre als Szenario für eine komplexe Mehrfachkrise
Das Übungsszenario geht deutlich über eine gewöhnliche sommerliche Hitzewelle hinaus. Nach Angaben des BBK lautet das Szenario von LÜKEX 26: „Dürre und Hitzewelle – Notlage durch extreme Hitzewelle nach langjähriger Trockenperiode in Deutschland und Europa“. Damit rückt eine Krisenlage in den Mittelpunkt, bei der mehrere Gefahren gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken können. Sinkende Wasserstände können beispielsweise die Schifffahrt beeinträchtigen und die Versorgung von Industrie und Landwirtschaft erschweren. Hohe Temperaturen können die Gesundheitssysteme zusätzlich belasten, während Trockenheit die Waldbrandgefahr erhöht.
Auch die Energieversorgung kann unter extremen Wetterbedingungen unter Druck geraten. Gleichzeitig können Straßen und Schienen durch hohe Temperaturen beschädigt oder in ihrer Nutzbarkeit eingeschränkt werden. Eine lang anhaltende Dürre wiederum kann die Landwirtschaft erheblich treffen und die Verfügbarkeit von Wasser zu einer strategischen Herausforderung machen. Genau diese Verkettung verschiedener Risiken macht das Szenario für den Bevölkerungsschutz besonders relevant. Die Übung soll deshalb nicht nur einzelne Maßnahmen testen, sondern vor allem die Frage beantworten, wie Behörden und Organisationen reagieren, wenn mehrere kritische Bereiche gleichzeitig unter Druck geraten.
Niedersachsen beteiligt sich mit mehreren Ministerien
Auch Niedersachsen wird sich an der bundesweiten Übung beteiligen. Nach Angaben des niedersächsischen Innenministeriums nehmen unter anderem die Ressorts für Inneres, Gesundheit, Umwelt, Landwirtschaft und Verkehr an den Vorbereitungen teil. Die Beteiligung mehrerer Ministerien verdeutlicht, wie umfassend die Folgen einer außergewöhnlichen Hitze- und Dürrelage sein können. Eine solche Krise lässt sich nicht allein durch Feuerwehr, Rettungsdienste oder Katastrophenschutz bewältigen. Gefordert sind ebenso Gesundheitsbehörden, Wasserversorger, Verkehrsbehörden, Energieversorger und weitere Betreiber kritischer Infrastrukturen.
Im Mittelpunkt steht deshalb die ressortübergreifende Zusammenarbeit. Geübt werden soll, wie Informationen zwischen den beteiligten Stellen ausgetauscht, Entscheidungen koordiniert und Maßnahmen aufeinander abgestimmt werden. Ziel ist es, die Reaktionsfähigkeit des Staates in einer komplexen Krisenlage zu verbessern.
Wenn Hitze zur Gefahr für die gesamte Gesellschaft wird
Extreme Hitze ist längst nicht mehr ausschließlich ein Problem des Gesundheitswesens. Besonders ältere Menschen, Pflegebedürftige, Kinder und Menschen mit Vorerkrankungen können durch hohe Temperaturen gefährdet sein. Doch die Auswirkungen einer lang anhaltenden Hitzewelle reichen deutlich weiter. Bei anhaltender Trockenheit können Flüsse, Seen und Stauseen niedrige Wasserstände erreichen. Das kann Folgen für die Trinkwasserversorgung, die Landwirtschaft und die industrielle Nutzung von Wasser haben. Gleichzeitig steigt das Risiko von Wald- und Vegetationsbränden.
Auch der Verkehr kann beeinträchtigt werden. Hohe Temperaturen können Straßenbeläge beschädigen und die Belastbarkeit von Schienen beeinflussen. Niedrige Pegelstände können wiederum die Binnenschifffahrt einschränken und damit Lieferketten unter Druck setzen.
Hinzu kommt die Belastung der Energieversorgung. In einer extremen Hitzeperiode steigt beispielsweise der Bedarf an Kühlung. Gleichzeitig können hohe Temperaturen und niedrige Wasserstände die Rahmenbedingungen für bestimmte Kraftwerke und andere Anlagen verändern. Eine außergewöhnliche Hitzelage kann damit zu einer Belastungsprobe für mehrere Bereiche der kritischen Infrastruktur gleichzeitig werden.
Deutschland will aus realen Hitzewellen Konsequenzen ziehen
Die Entscheidung, Hitze und Dürre zum Schwerpunkt der nächsten LÜKEX-Übung zu machen, kommt nicht zufällig. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass extreme Wetterlagen auch in Deutschland erhebliche Auswirkungen haben können.
Die Bundesregierung verweist inzwischen auf verschiedene Maßnahmen zum Hitzeschutz. Dazu gehören unter anderem Hitzeschutzpläne, Informationsangebote und ein weiterentwickeltes Hitzemonitoring des Robert Koch-Instituts. Länder und Kommunen sind zugleich gefordert, eigene Hitzeaktionspläne zu entwickeln und die Bevölkerung vor den gesundheitlichen Folgen extremer Temperaturen zu schützen.
Mit LÜKEX soll nun die nächste Ebene überprüft werden: Was passiert, wenn aus einer außergewöhnlichen Wetterlage eine umfassende nationale Krisensituation entsteht?
Der Ernstfall wird am Schreibtisch durchgespielt
LÜKEX ist keine klassische Einsatzübung, bei der Einsatzkräfte mit Fahrzeugen ausrücken und reale Rettungseinsätze simulieren. Im Mittelpunkt steht vielmehr die strategische Ebene des Krisenmanagements. Behörden, Ministerien, Organisationen und Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen dabei unter möglichst realitätsnahen Bedingungen Entscheidungen treffen. Es geht darum, Informationen zu bewerten, Zuständigkeiten zu klären und Maßnahmen zwischen unterschiedlichen Akteuren zu koordinieren.
Gerade in einer großflächigen Krise ist dieser Informationsfluss entscheidend. Wenn gleichzeitig Krankenhäuser stark belastet sind, Wasser knapp wird, Verkehrswege ausfallen und Waldbrände bekämpft werden müssen, können einzelne Behörden die Lage nicht isoliert bewältigen. Die LÜKEX-Übung soll deshalb sichtbar machen, wo Kommunikationswege funktionieren und wo es möglicherweise Verzögerungen, Zuständigkeitsprobleme oder Informationsdefizite gibt. Die gewonnenen Erkenntnisse können anschließend genutzt werden, um Strukturen und Abläufe im Bevölkerungsschutz anzupassen.
Kritische Infrastruktur steht im Mittelpunkt
Eine besondere Bedeutung kommt dem Schutz der kritischen Infrastruktur zu. Dazu zählen unter anderem die Energie- und Wasserversorgung, Verkehrssysteme sowie weitere Einrichtungen und Dienstleistungen, deren Ausfall erhebliche Auswirkungen auf die Bevölkerung und das Gemeinwesen hätte. Eine extreme Hitze- und Dürrelage kann mehrere dieser Systeme gleichzeitig treffen. Genau darin liegt eine der größten Herausforderungen für das Krisenmanagement: Die einzelnen Probleme können sich gegenseitig verstärken.
Fällt beispielsweise ein Verkehrsweg aus, können Lieferungen verzögert werden. Gleichzeitig kann eine eingeschränkte Wasserversorgung die Landwirtschaft und Industrie belasten. Kommt eine hohe Waldbrandgefahr hinzu, müssen Einsatzkräfte möglicherweise an mehreren Orten gleichzeitig tätig werden.
Für den Bevölkerungsschutz bedeutet das, dass nicht nur die unmittelbare Gefahrenabwehr zählt. Entscheidend ist auch, wie lange wichtige Versorgungsleistungen aufrechterhalten werden können und wie schnell sich staatliche Stellen auf eine sich verändernde Lage einstellen.
Die eigentliche Bewährungsprobe kommt im November
Die Vorbereitungen für LÜKEX 26 laufen bereits. Die zentrale Kernübung ist nach Angaben des BBK für November 2026 vorgesehen. Dann wird sich zeigen, wie gut das Zusammenspiel der beteiligten Akteure in dem simulierten Krisenszenario funktioniert. Für Deutschland ist die Übung dabei mehr als eine theoretische Planspielveranstaltung. Sie ist ein Test für die Widerstandsfähigkeit des nationalen Krisenmanagements angesichts einer Gefahr, die zunehmend mehrere Lebensbereiche gleichzeitig betreffen kann.
Die Botschaft hinter LÜKEX 26 ist deshalb eindeutig: Der Bevölkerungsschutz muss sich auf Krisen vorbereiten, die nicht an Zuständigkeitsgrenzen haltmachen. Extreme Hitze, Dürre, Wasserknappheit, Waldbrände und Belastungen kritischer Infrastrukturen können sich zu einer komplexen Gesamtlage entwickeln. Mit der Übung im November will Deutschland genau dieses Zusammenspiel testen – bevor aus einem Szenario ein realer Krisenfall wird.


