Eine ungewöhnliche Serie von Erdbeben in der Region Granada sorgt in Spanien für Aufmerksamkeit. Seit dem 14. August wurden innerhalb von nur zehn Tagen mehr als 1.000 Erschütterungen registriert. Zwei Beben erreichten eine Magnitude von 4,8 und waren in Hunderten Orten spürbar. Experten warnen jedoch davor, daraus unmittelbar ein bevorstehendes Großbeben abzuleiten. Nach Angaben des spanischen Instituto Geográfico Nacional (IGN) wurden bis zum 24. August 1.075 Erdbeben in der Region registriert. 94 davon waren für die Bevölkerung spürbar.
Die beiden stärksten Beben erreichten Magnitude 4,8 und lagen vergleichsweise flach. Deshalb waren die Erschütterungen weit über Granada hinaus zu spüren – unter anderem in Teilen von Murcia, Kastilien-La Mancha und sogar in der Region Madrid.
Spanien hat Erfahrung mit schweren Erdbeben
Dass die Sorge vor einem größeren Beben nicht völlig unbegründet ist, zeigt ein Blick in die Geschichte. Das Erdbeben von Arenas del Rey im Jahr 1884 erreichte schätzungsweise Magnitude 6,5. Mehr als 100 Ortschaften waren betroffen, zwischen 750 und 900 Menschen starben. Auch 1829 wurde die Region um Torrevieja von einem schweren Beben der geschätzten Stärke 6,6 getroffen. Beim deutlich schwächeren Erdbeben von Lorca 2011 mit Magnitude 5,1 kamen dennoch neun Menschen ums Leben.
Geologe: Großbeben nicht vorhersehbar
Raúl Pérez López, Notfallgeologe am spanischen Geologischen und Bergbauinstitut IGME-CSIC, warnt allerdings vor falschen Schlussfolgerungen. Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 4 seien im Süden und Südosten Spaniens keineswegs ungewöhnlich. In dieser Region existieren zahlreiche aktive Verwerfungen. Einige davon könnten Beben der Stärke 5, teilweise auch der Stärke 6 auslösen. Wann sich die dabei aufgebaute tektonische Energie entlädt, lässt sich jedoch nicht bestimmen.
Mehr als 200 aktive Verwerfungen
Das IGME hat in Spanien mehr als 200 aktive Verwerfungen kartiert. Besonders gefährdet sind dem Experten zufolge Gebiete entlang der Mittelmeerküste zwischen Valencia und Cádiz. Doch auch die Pyrenäen, Katalonien sowie Regionen um Granada und Albacete weisen seismische Risiken auf. Die aktuelle Erdbebenserie bei Granada bedeutet deshalb nicht automatisch, dass dort unmittelbar ein besonders starkes Beben bevorsteht.
140 Jahre ohne großes Beben sind kein Countdown
Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass seit dem schweren Beben von 1884 rund 140 Jahre vergangen sind. Daraus lässt sich nach Ansicht des Geologen jedoch kein Zeitplan für das nächste Großbeben ableiten. Erdbeben treten nicht in regelmäßigen Abständen auf. Es können viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte ohne ein schweres Ereignis vergehen – anschließend können mehrere starke Beben vergleichsweise dicht aufeinander folgen.
Schutz statt Vorhersage
Eine genaue Vorhersage von Erdbeben ist nach wie vor nicht möglich. Deshalb kommt der Vorsorge eine zentrale Bedeutung zu. Entscheidend sind unter anderem erdbebensichere Gebäude, Gefahrenkarten und eine entsprechende Vorbereitung der Bevölkerung. Wie schwer ein Erdbeben ausfällt, hängt nicht allein von seiner Magnitude ab. Auch die Tiefe, die Entfernung zu bewohnten Gebieten und vor allem die Stabilität der Gebäude bestimmen das Schadensausmaß. Die aktuelle Serie bei Granada ist damit vor allem ein deutlicher Hinweis auf die seismische Aktivität Spaniens – aber kein wissenschaftlicher Beleg dafür, dass unmittelbar ein schweres Erdbeben bevorsteht.


