Deutschland intensiviert sein Engagement beim Wiederaufbau von Syrien – und verbindet dies mit einer neuen politischen Linie in der Migrationspolitik. Beim Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin kündigte Bundeskanzler Friedrich Merz eine gemeinsame Task Force zur Stabilisierung des kriegsgezeichneten Landes an.
Deutschland setzt auf Stabilisierung – mit klaren Erwartungen
Ziel der neuen deutsch-syrischen Initiative ist es, politische Stabilität und wirtschaftliches Wachstum in Syrien voranzutreiben. Mehr als 200 Millionen Euro will die Bundesregierung in diesem Jahr für Infrastrukturprojekte bereitstellen – darunter Wasserversorgung und der Wiederaufbau von Krankenhäusern in Städten wie Aleppo und Hasakah.
Merz betonte, Syrien könne auf deutsche Unterstützung zählen – machte jedoch zugleich deutlich, dass diese Hilfe an Bedingungen geknüpft ist: Menschenrechte, insbesondere der Schutz von Frauen sowie die politische Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen, seien zentrale Voraussetzungen.
Neue Dynamik nach Machtwechsel
Die Bundesregierung sieht nach dem Sturz von Baschar al-Assad im Dezember 2024 eine neue Ausgangslage. Der Machtwechsel, eingeleitet durch die Miliz Hajat Tahrir al-Scham, habe einen politischen Transformationsprozess ermöglicht.
Ein erster Meilenstein war die Parlamentswahl im Oktober 2025 – die erste seit Beginn des Syrischer Bürgerkrieg. Berlin bewertet diesen Schritt als wichtigen Anfang, mahnt jedoch weitere Reformen und inklusive politische Prozesse an.
Rückführungen rücken in den Fokus
Parallel zur Aufbauhilfe verschärft die Bundesregierung den Ton in der Migrationspolitik. Merz stellte klar, dass die Schutzbedarfe von syrischen Geflüchteten neu bewertet werden müssten. Insbesondere straffällige Personen sollen künftig schneller in ihr Herkunftsland zurückgeführt werden.
Diese Ankündigung betrifft rund eine Million Syrerinnen und Syrer, die in Deutschland Schutz gefunden haben. Ziel sei eine „verlässliche Rückkehr-Kooperation“ mit der neuen syrischen Führung.
Wirtschaftliche Öffnung und Investitionen geplant
Neben humanitärer Hilfe setzt Deutschland verstärkt auf wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die Bundesregierung will syrische Reformprozesse mit Expertise begleiten, um ein stabiles Investitionsumfeld zu schaffen.
Außenminister Johann Wadephul betonte, Syrien habe das Potenzial, sich langfristig als Teil eines erweiterten europäischen Wirtschaftsraums zu entwickeln. Voraussetzung seien jedoch funktionierende Institutionen und Rechtssicherheit.
Sanktionen gelockert – aber nicht vollständig aufgehoben
Die internationale Gemeinschaft hat bereits wichtige Schritte zur Normalisierung eingeleitet. Die Europäische Union hob 2025 weitreichende Wirtschaftssanktionen auf, auch die Vereinte Nationen lockerten Maßnahmen gegen führende Vertreter der Übergangsregierung.
Dennoch bleiben sicherheitsrelevante Sanktionen bestehen – insbesondere im Zusammenhang mit Chemiewaffenprogrammen und Netzwerken des ehemaligen Regimes.
Humanitäre Lage bleibt dramatisch
Trotz politischer Fortschritte ist die Lage im Land weiterhin angespannt: Nach UN-Angaben sind rund 16,7 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Deutschland setzt daher seine humanitäre Unterstützung fort und hat zudem die Botschaft in Damaskus nach 13 Jahren wieder geöffnet – ein symbolischer Schritt zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen.
Balanceakt zwischen Hilfe und Eigeninteressen
Die deutsche Syrienpolitik steht damit vor einem komplexen Balanceakt: Einerseits geht es um Stabilisierung, Wiederaufbau und humanitäre Verantwortung – andererseits um innenpolitische Fragen wie Migration und Sicherheit.
Der eingeschlagene Kurs zeigt: Deutschland setzt auf Kooperation mit der neuen syrischen Führung, verbindet diese jedoch klar mit politischen Erwartungen und strategischen Interessen.


