Deutliche Worte beim militärischen Aschermittwoch in der Kai-Uwe-von-Hassel-Kaserne: Generalleutnant Michael Vetter, Chef der Abteilung Cyber- und Informationstechnik der Bundeswehr, zeichnete ein alarmierendes Bild der aktuellen Sicherheitslage. Deutschland stehe unter permanentem digitalem Beschuss – und die Angriffe nähmen an Intensität und Professionalität zu.
Rund 130 Gäste aus Politik, Gesellschaft und Streitkräften waren in die Kaserne nach Kropp gekommen. Bereits in seiner Begrüßung verwies Oberstleutnant Björn Jansen auf eine Zahl, die aufhorchen lässt: Täglich würden in Deutschland etwa 300.000 Cyberangriffe als Bedrohung der Infrastruktur registriert. Betroffen seien unter anderem das digitale Netz, das Schienennetz der Bahn, die Energieversorgung, Navigationssysteme sowie staatliche und wirtschaftliche Einrichtungen.
„Die Stufen zwischen Krise und Krieg verschwimmen“
Vetter sprach von der komplexesten Bedrohungslage seiner 40-jährigen Dienstzeit. Die Grenzen zwischen klassischer Krise und offenem Konflikt seien fließend geworden. „Wir befinden uns technologisch in einer Zeitenwende“, betonte der General. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine habe die sicherheitspolitische Lage grundlegend verändert. Deutschland, die Nato und westliche Staaten seien verstärkt Ziel hybrider Angriffe.
Dabei gehe es nicht nur um Hackerattacken im engeren Sinne. Auch Desinformationskampagnen, Drohnenangriffe, Störungen technischer Systeme oder sogenannte Schattenflotten auf den Weltmeeren gehörten zum strategischen Instrumentarium staatlicher und nichtstaatlicher Akteure. Vetter formulierte es deutlich: „Man testet uns aus – unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt und unsere Reaktionsfähigkeit.“
Als zentralen geopolitischen Faktor nannte er China. Große Mächte strebten nach Einflusszonen und globaler Neuordnung. „Wir haben es mit Akteuren zu tun, die wirtschaftliche Partner, strategische Konkurrenten und sicherheitspolitische Gegner zugleich sind“, so der Cyber-General.
Milliarden-Schäden durch Cyberkriminalität
Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm. Cyberkriminalität verursache in Deutschland jährlich Schäden in Höhe von rund 289 Milliarden Euro – eine Dunkelziffer nicht eingerechnet. Für Vetter ist klar: Die entscheidende Frage laute nicht mehr, ob kritische Infrastruktur angegriffen werde, sondern wann.
Ohne militärische Fähigkeiten sei dieser Bedrohung nicht zu begegnen, sagte er. Gleichzeitig forderte er ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft. Resilienz müsse zur gesamtstaatlichen Aufgabe werden – von der Bundeswehr bis in die Kommunen.
Appell an Kommunen: „Investieren Sie in Sicherheit“
Besonders die kommunalen Vertreter nahm Vetter in die Pflicht. Cybersicherheit beginne vor Ort – in Rathäusern, Stadtwerken und kommunalen IT-Systemen. „Geben Sie ein paar Euro mehr für eine gute Firewall aus“, mahnte er. Zudem müsse Krisenvorsorge regelmäßig geübt werden: „Und zwar so lange, bis es sitzt.“
Die Botschaft des Abends war unmissverständlich: Deutschland steht im digitalen Dauerstress. Der Schutz kritischer Infrastruktur wird zur Schlüsselfrage nationaler Sicherheit – und zur Bewährungsprobe für Staat und Gesellschaft.


