Trotz der anhaltenden Spannungen mit dem Iran scheint der Öltransport durch die strategisch wichtige Straße von Hormus nicht vollständig zum Erliegen gekommen zu sein. Nach Informationen, auf die sich der Tagesspiegel unter Berufung auf einen Bericht des US-Portals Axios stützt, haben die Vereinigten Staaten offenbar einen speziellen Schiffskorridor eingerichtet. Tanker sollen die Meerenge dabei vor allem nachts und unter militärischer Absicherung passieren. Demnach könnten auf diese Weise inzwischen wieder erhebliche Mengen Rohöl aus dem Persischen Golf auf den Weltmarkt gelangen. Von bis zu 15 bis 20 Tankern pro Nacht und mehreren Millionen Barrel Öl ist die Rede. Die Angaben stammen von anonymen US-Vertretern und lassen sich daher nicht unabhängig vollständig überprüfen.
Kampfjets sichern die gefährliche Passage
Die besondere Brisanz liegt in der militärischen Absicherung der Tanker. Die Schiffe sollen einen festgelegten Kurs nutzen und dabei durch US-Streitkräfte unterstützt werden. Die Operation erfolgt offenbar überwiegend während der Nacht, wenn die Sichtverhältnisse schlechter und die Bewegungen der Schiffe schwerer zu verfolgen sind. Die USA hatten bereits zuvor versucht, Handelsschiffe durch die Straße von Hormus zu eskortieren. Die aktuelle Vorgehensweise soll jedoch stärker auf einen begrenzten und möglichst unauffälligen Korridor setzen. Hintergrund ist die weiterhin hohe Gefahr durch iranische Streitkräfte und andere militärische Aktivitäten in der Region.
Iran betrachtet die Meerenge weiterhin als blockiert
Die Berichte stehen im direkten Gegensatz zu den Aussagen Teherans. Während US-Präsident Donald Trump erklärt hat, die Straße von Hormus sei für den Schiffsverkehr wieder zugänglich beziehungsweise unter US-Kontrolle, hält Iran an seiner Blockadedarstellung fest. Der internationale Schiffsverkehr ist tatsächlich weiterhin massiv eingeschränkt. Aktuelle Schiffsdaten zeigen, dass deutlich weniger Handelsschiffe die Meerenge passieren als vor Beginn des Konflikts. Zuletzt wurden an einzelnen Tagen nur wenige entsprechende Schiffsbewegungen registriert. Vor dem Krieg waren es teilweise mehr als 130 Durchfahrten pro Tag.
Ölversorgung bleibt das eigentliche Ziel
Die heimlichen Transporte haben vor allem eine wirtschaftliche Bedeutung. Die Straße von Hormus ist eine der wichtigsten Energierouten der Welt. Ein erheblicher Anteil des weltweit transportierten Rohöls und Flüssiggases wird durch die Meerenge befördert. Eine länger andauernde Unterbrechung hätte deshalb unmittelbare Auswirkungen auf Energiepreise und internationale Lieferketten. Bereits die Unsicherheit über die Passage hat den Ölpreis zuletzt wieder steigen lassen. Für Washington geht es damit nicht nur darum, einzelnen Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Die USA versuchen offenbar zugleich, die Auswirkungen der Blockade auf den globalen Energiemarkt zu begrenzen.
Risiko bleibt trotz US-Schutz erheblich
Eine militärische Begleitung bietet allerdings keine vollständige Sicherheit. Ende Juli wurden bereits zwei Tanker angegriffen, die nach iranischen Angaben unter US-Luftschutz unterwegs waren. Die Ereignisse zeigten, dass eine Absicherung aus der Luft einen Angriff aus iranischen Hoheitsgewässern nicht vollständig verhindern kann. Auch Mitte August wurden zwei Tanker eines Unternehmens aus den Vereinigten Arabischen Emiraten während der Fahrt durch die Straße von Hormus von Drohnen angegriffen. Die Vereinigten Arabischen Emirate machten Iran beziehungsweise die Revolutionsgarden dafür verantwortlich. Damit bleibt jede Passage ein erhebliches militärisches Risiko.
Nur wenige Reedereien wagen die Durchfahrt
Die unsichere Lage hat zahlreiche Reedereien dazu gebracht, die Straße von Hormus zu meiden. Besonders chinesische Staatsreedereien haben ihre Transporte über die Meerenge sowie über den Bab al-Mandab seit Ende Juli deutlich zurückgefahren beziehungsweise eingestellt. Stattdessen werden alternative Transportwege und Umladungen außerhalb der besonders gefährlichen Regionen genutzt. Der von den USA offenbar eingerichtete Korridor könnte deshalb zumindest einen Teil des internationalen Ölverkehrs wieder ermöglichen. Von einer normalen Schifffahrtssituation ist die Region jedoch weit entfernt.
Straße von Hormus bleibt geopolitischer Brennpunkt
Die aktuellen Vorgänge machen deutlich, dass die Straße von Hormus zu einem zentralen Schauplatz des Konflikts zwischen den USA und Iran geworden ist. Jeder Tanker, der die Meerenge passiert, steht dabei nicht nur für wirtschaftlichen Austausch, sondern auch für die militärische Auseinandersetzung um die Kontrolle einer der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Sollten die USA tatsächlich dauerhaft einen nächtlichen Schiffskorridor aufrechterhalten, könnte dies den internationalen Ölfluss stabilisieren. Gleichzeitig steigt damit aber auch das Risiko einer direkten Konfrontation zwischen US-Streitkräften und Iran. Die entscheidende Frage bleibt daher, ob es Washington gelingt, den Öltransport wieder auszuweiten, ohne dass weitere Angriffe auf Tanker die Situation erneut eskalieren lassen.


