Berlin. Schüsse auf Bars, Explosionen vor Nachtclubs, Einschüsse in Wohnhäusern: In Berlin eskaliert seit Monaten ein Bandenkrieg, der seinen Ursprung in der organisierten Kriminalität der Türkei hat. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamt Berlin (LKA) tragen rivalisierende Gruppierungen ihre Machtkämpfe zunehmend offen auf die Straßen der Hauptstadt.
Allein im Jahr 2025 registrierte die Polizei 543 Fälle von Schusswaffengebrauch sowie 629 Bedrohungen mit einer Waffe – ein drastischer Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) spricht von einer „neuen Bedrohungslage“. Rivalisierende Banden setzten „sichtbar Gewalt“ ein – mit Handgranaten, gezielten Schüssen auf Menschen und Angriffen auf Lokale.
Schutzgelderpressung und Auftragskiller auf Touristenvisum
Vor allem Geschäftsleute mit türkischem Hintergrund berichten von Drohanrufen und Forderungen nach „Schutzgeld“. Wer nicht zahlt, riskiert Einschüchterung oder Gewalt. Viele Betroffene schweigen aus Angst vor Repressalien.
Besonders brisant: Laut Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel reisen Täter gezielt aus der Türkei ein. Sie kämen mit kurzfristigen Touristenvisa, führten Auftragsdelikte aus und verließen anschließend wieder das Land. Die Internationalisierung der Gewalt stellt die Sicherheitsbehörden vor neue Herausforderungen.
„Daltons“ und „Casper“ – Banden mit tausend Bewaffneten
Was nun in Berlin sichtbar wird, ist in der Türkei längst Realität: Straßenbanden einer „neuen Generation“, die sich über soziale Medien organisieren, Minderjährige rekrutieren und ihre Macht demonstrativ inszenieren. Besonders bekannt ist die Gruppierung „Daltons“ – benannt nach Comicfiguren aus Lucky Luke.
Nach Angaben des Journalisten Osman Cakli sollen allein in Istanbul rund 1.000 bewaffnete Mitglieder aktiv sein. In einem laufenden Verfahren gegen die Bande „Casper“ sind etwa 70 Minderjährige angeklagt. Rekrutiert werden vor allem Jugendliche zwischen 15 und 20 Jahren – zunehmend auch junge Frauen.
Über Plattformen wie Tiktok inszenieren die Gangs ein Leben aus Luxus, Waffen und schnellem Geld. Ein Kommentar unter einem Video könne reichen, um Kontakt zu knüpfen – zwei Monate später sei derselbe Jugendliche womöglich als Auftragskiller im Einsatz, berichten Experten. Waffen seien billig und leicht verfügbar: Eine Pistole koste umgerechnet rund 60 Euro, ein Sturmgewehr etwa 300 Euro.
Drogen-Drehkreuz Türkei – Berlin als Absatzmarkt
Zentrale Einnahmequelle bleibt der internationale Drogenhandel. Die Türkei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem bedeutenden Transitland für Kokain entwickelt, das über Häfen ins europäische Festland gelangt. Experten sprechen vom „Mexiko Europas“. Berliner Ermittler beobachten, dass Ableger dieser Netzwerke nun gezielt den hiesigen Drogenmarkt erschließen wollen.
Nach Einschätzung der Gewerkschaft der Polizei Berlin (GdP) nutzen die Gruppen die Größe der Metropole, den florierenden Drogenhandel und strukturelle Engpässe bei Polizei und Justiz. Sprecher Benjamin Jendro warnt vor einer neuen Brutalität: „Es wird nicht mehr lange gedroht, sondern sofort geschossen.“
Sondereinheit „Ferrum“ im Dauereinsatz
Als Reaktion gründete das LKA im November die Spezialeinheit „BAO Ferrum“. Seither durchkämmen Einsatzkräfte nahezu täglich bekannte Treffpunkte in Kreuzberg, Neukölln, Wedding oder Charlottenburg. Rund 5.000 Personen, 3.000 Fahrzeuge und mehr als 800 Lokale wurden kontrolliert.
Die Bilanz: 18 scharfe Schusswaffen, 192 Patronen, 10 Schreckschusspistolen und zahlreiche weitere Waffen wie Messer oder Elektroschocker wurden sichergestellt. 260 Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, 50 Tatverdächtige identifiziert, 12 Haftbefehle vollstreckt.
Die Polizei sieht erste Abschreckungseffekte. Doch die Gewaltserie zeigt: Der Konflikt ist nicht lokal begrenzt. Berlin ist zum Schauplatz eines transnationalen Machtkampfes geworden – mit Jugendlichen als Rekruten, sozialen Medien als Rekrutierungsplattform und einer Gewaltbereitschaft, die zunehmend offen zur Schau gestellt wird.


