London. Die Verrohung des Umgangstons an britischen Schulen nimmt offenbar dramatische Ausmaße an – und soziale Netzwerke spielen dabei eine zentrale Rolle. Eine aktuelle Umfrage der National Education Union (NEU) unter mehr als 10.000 Lehrkräften zeichnet ein beunruhigendes Bild: Jede sechste Lehrerin wurde demnach innerhalb eines Jahres von Schülern verbal frauenfeindlich angegriffen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass misogynes Verhalten unter Jugendlichen nicht nur zunimmt, sondern zunehmend als normal wahrgenommen wird. Lehrkräfte berichten von einem „erschreckenden“ Ausmaß an Frauenfeindlichkeit, das sich im Schulalltag immer häufiger entlädt.
Doch damit nicht genug: Laut der Studie sehen über die Hälfte der Befragten einen direkten Zusammenhang zwischen Inhalten in sozialen Medien und problematischem Verhalten ihrer Schüler. 56 Prozent beobachten eine Verstärkung frauenfeindlicher Einstellungen, während 52 Prozent angeben, dass rassistische Tendenzen durch Online-Inhalte befeuert werden. Auch Mobbing unter Schülern habe sich intensiviert – nicht zuletzt durch nächtliche Chatverläufe, die Konflikte weiter anheizen.
Parallel dazu berichten die Lehrkräfte von massiven Auswirkungen auf die Lernfähigkeit der Kinder. Mehr als 70 Prozent stellen fest, dass die Konzentration der Schüler spürbar nachgelassen hat. Zwei Drittel führen dies auf psychische Belastungen und chronischen Schlafmangel zurück. Viele Jugendliche seien bis tief in die Nacht online, kämen übermüdet in den Unterricht und zeigten zunehmend auffälliges Verhalten.
Vor diesem Hintergrund wächst der politische Druck auf die Regierung in Vereinigtes Königreich. Diskutiert werden weitreichende Maßnahmen zum Schutz Minderjähriger im Internet – darunter ein mögliches Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige nach internationalem Vorbild sowie verpflichtende Nutzungsbeschränkungen wie Sperrzeiten. Eine überwältigende Mehrheit von 98 Prozent der befragten Lehrkräfte spricht sich für strengere Regulierung von Tech-Unternehmen aus.
Scharfe Kritik kommt auch von Daniel Kebede, dem Generalsekretär der Lehrergewerkschaft. Er warnt vor den Folgen „süchtig machender Algorithmen“, die Kinder täglich mit schädlichen Inhalten konfrontierten. Die Auswirkungen seien längst im Klassenzimmer sichtbar – in Form von Sexismus, Rassismus und wachsender Respektlosigkeit gegenüber Lehrkräften.
Kebede macht deutlich, dass Schulen und Eltern mit dem Problem überfordert seien. Es brauche entschlossenes politisches Handeln, um den Einfluss großer Technologieplattformen einzudämmen. Konkret fordert die Gewerkschaft, das Mindestalter für die Nutzung sozialer Medien von 13 auf 16 Jahre anzuheben.
Die Regierung hat bereits erste Schritte eingeleitet und spezielle Programme für auffällige Schüler entwickelt. Doch angesichts der alarmierenden Zahlen dürfte klar sein: Ohne tiefgreifende Eingriffe in die digitale Lebenswelt junger Menschen wird sich die Situation kaum entschärfen.


