Saporischschja: Erhöhte Wasserstände in Brennelementebecken

Die Sicherheitslage am ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja bleibt angespannt. Am Standort sollen die Wasserstände in den Becken für abgebrannte Brennelemente angehoben werden. Die Maßnahme soll zusätzliche Zeitreserven schaffen, falls die externe Stromversorgung des Kraftwerks über einen längeren Zeitraum ausfällt und die Notstromversorgung an ihre Grenzen kommt. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wurde mit den Arbeiten bereits in dieser Woche begonnen. Experten der Organisation sind vor Ort und beobachten die Umsetzung. Hintergrund sind insbesondere die wiederholten Unterbrechungen der externen Stromversorgung sowie Schwierigkeiten bei der Versorgung des Kraftwerks mit Diesel für die Notstromaggregate.

Mehr Wasser bedeutet mehr Sicherheitsreserve

Die sogenannten Brennelementebecken spielen eine wichtige Rolle für die nukleare Sicherheit. Abgebrannte Brennelemente werden nach ihrer Entnahme aus einem Reaktor zunächst über Jahre in Wasserbecken gelagert. Das Wasser führt weiterhin entstehende Nachzerfallswärme ab und schirmt zugleich die radioaktive Strahlung ab. Ein höherer Wasserstand vergrößert im Fall eines Ausfalls der Kühlung die Zeitspanne, bevor das Wasser zu sieden beginnt. Genau diese zusätzliche Zeitreserve soll nun in Saporischschja geschaffen werden. Die IAEA erklärte, die Maßnahme solle die verfügbare Zeit verlängern, bevor bei einem länger andauernden Verlust der externen Stromversorgung Wasser aus den Becken verdampfen könnte. Voraussetzung für ein solches Szenario wäre allerdings, dass auch die Dieselvorräte erschöpft wären und die Kühlung nicht mehr aufrechterhalten werden könnte.

Hauptstromleitung seit Monaten außer Betrieb

Besonders problematisch ist die Situation bei der externen Stromversorgung. Die wichtige 750-Kilovolt-Leitung Dniprovska steht derzeit nicht zur Verfügung. Sie ist nach Angaben der IAEA seit März außer Betrieb. Zwar wurden Reparaturarbeiten unter Vermittlung der IAEA durchgeführt, doch beschädigte Infrastruktur an einem Umspannwerk verhindert weiterhin eine vollständige Wiederinbetriebnahme der Leitung. Das Kraftwerk muss deshalb derzeit auf eine einzelne 330-Kilovolt-Reserveleitung zurückgreifen. Für ein Kernkraftwerk ist eine zuverlässige externe Stromversorgung von zentraler Bedeutung. Auch wenn die Reaktoren abgeschaltet sind, müssen zahlreiche sicherheitsrelevante Systeme weiterhin mit Energie versorgt werden. Dazu gehören insbesondere Einrichtungen zur Kühlung und Überwachung der Anlage.

Bereits 24 vollständige Stromausfälle

Wie ernst die Situation ist, verdeutlicht eine Zahl der IAEA: Insgesamt hat das Kraftwerk nach Angaben der Organisation inzwischen 24-mal die externe Stromversorgung vollständig verloren. Die Hälfte dieser Ausfälle ereignete sich demnach innerhalb der vergangenen vier Monate. Allein in der zurückliegenden Woche kam es zweimal zu einem vollständigen Verlust der externen Stromversorgung. Bei solchen Situationen müssen die Notstromaggregate einspringen. Kernkraftwerke verfügen grundsätzlich über Dieselvorräte, mit denen die Generatoren zunächst über einen begrenzten Zeitraum betrieben werden können. Nach Angaben der IAEA reichen die Vorräte typischerweise für etwa sieben Tage, wobei eine länger andauernde Versorgung auf Nachschub angewiesen ist.

Sechs Reaktoren seit Jahren abgeschaltet

Das Atomkraftwerk Saporischschja befindet sich seit Beginn der russischen Besetzung im März 2022 in einer außergewöhnlichen Situation. Alle sechs Reaktorblöcke sind abgeschaltet. Der letzte Reaktor wechselte im April 2024 in den sogenannten Kaltabschaltzustand. Dabei wird der Reaktor nicht mehr zur Stromproduktion betrieben und die Temperatur des Reaktorkühlmittels deutlich abgesenkt. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass der Standort ohne sicherheitsrelevante Kühlung auskommt. Auch abgeschaltete Reaktoren und insbesondere gelagerte abgebrannte Brennelemente benötigen weiterhin Überwachung und Kühlung.

Brennelementebecken bleiben sicherheitskritisch

Die abgebrannten Brennelemente werden nach der Entnahme aus dem Reaktor zunächst in Wasserbecken gelagert. Dort müssen sie mehrere Jahre verbleiben, bevor eine weitere Lagerung – etwa in trockenen Lagerbehältern – möglich ist. Während dieser Zeit entsteht durch den radioaktiven Zerfall weiterhin Wärme. Deshalb muss das Kühlsystem zuverlässig funktionieren. Ein längerer Ausfall der Stromversorgung stellt somit eine besondere Herausforderung dar. Der nun geplante höhere Wasserstand soll nicht eine bereits eingetretene Überhitzung verhindern, sondern die Sicherheitsmarge für den Fall eines weiteren schweren Versorgungsausfalls vergrößern.

Krieg macht Versorgung mit Diesel schwieriger

Zusätzliche Schwierigkeiten ergeben sich durch die Lage des Kraftwerks inmitten des russisch-ukrainischen Kriegs. Der Standort befindet sich in unmittelbarer Nähe der Frontregion und war wiederholt von militärischen Aktivitäten betroffen. Nach Angaben der IAEA erschwert die militärische Lage inzwischen auch die Wiederauffüllung der Dieselvorräte. Damit entsteht eine gefährliche Kombination: Einerseits nimmt die Zahl der Unterbrechungen der externen Stromversorgung zu, andererseits wird die Absicherung über Notstromaggregate durch die schwierige Treibstofflogistik komplizierter.

IAEA-Chef Grossi zunehmend besorgt

IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi bewertet die Entwicklung mit Sorge. Die zunehmende Zahl von Unterbrechungen der externen Stromversorgung sei nicht nachhaltig. Für die internationale Atomaufsicht steht dabei nicht nur die Stromversorgung des Kraftwerks im Mittelpunkt. Auch die elektrische Infrastruktur außerhalb des eigentlichen Kraftwerksgeländes ist für die nukleare Sicherheit entscheidend. Grossi betonte deshalb erneut, dass Umspannwerke und andere Teile des Stromnetzes geschützt werden müssten. Ohne eine stabile externe Stromversorgung können selbst technisch intakte Sicherheitssysteme eines abgeschalteten Kernkraftwerks langfristig vor erhebliche Probleme gestellt werden.

Militärische Aktivitäten rund um mehrere Atomstandorte

Die angespannte Situation beschränkt sich nicht auf Saporischschja. Die IAEA berichtet weiterhin von militärischen Aktivitäten beziehungsweise Luftalarm in der Umgebung mehrerer ukrainischer Nuklearanlagen. Auch die Experten an den Standorten Saporischschja, Süd-Ukraine und Tschernobyl nehmen entsprechende Aktivitäten wahr. Damit bleibt die ukrainische Atomkraftwerkslandschaft ein außergewöhnlicher sicherheitspolitischer Brennpunkt. Die Anlagen müssen unter Kriegsbedingungen betrieben beziehungsweise sicher abgeschaltet und überwacht werden.

Kein unmittelbarer Reaktorunfall

Die aktuellen Maßnahmen bedeuten nicht, dass es im Atomkraftwerk Saporischschja bereits zu einer nuklearen Notlage gekommen ist. Die Erhöhung der Wasserstände ist vielmehr eine vorsorgliche Maßnahme, um bei einem weiteren Verlust der Stromversorgung zusätzliche Zeit zu gewinnen. Gleichzeitig macht die Entwicklung deutlich, wie sich die Risikolage verändert. Nicht ein einzelner Vorfall ist entscheidend, sondern die Kombination aus wiederholten Stromausfällen, beschädigter Infrastruktur, eingeschränkter Dieselversorgung und der anhaltenden militärischen Aktivität.

Die IAEA sieht deshalb einen klaren Trend: Die Risiken für die nukleare Sicherheit nehmen unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht ab. Die Organisation fordert erneut größtmögliche militärische Zurückhaltung rund um die ukrainischen Atomkraftwerke und deren elektrische Infrastruktur.

Saporischschja bleibt Europas größter nuklearer Krisenstandort

Das Atomkraftwerk Saporischschja steht damit weiterhin sinnbildlich für die besonderen Gefahren, die der Krieg für die zivile Kernenergie geschaffen hat. Sechs abgeschaltete Reaktoren bedeuten nicht das Ende der sicherheitstechnischen Anforderungen. Brennelemente müssen gekühlt, Stromsysteme funktionsfähig und Notstromreserven verfügbar bleiben. Die jetzt angehobenen Wasserstände in den Brennelementebecken sind deshalb vor allem eines: eine zusätzliche Sicherheitsreserve. Entscheidend bleibt jedoch, dass die externe Stromversorgung wieder stabilisiert und die Versorgung mit Notstromdiesel dauerhaft gewährleistet werden kann.

Solange der Krieg andauert und kritische Energieinfrastruktur beschädigt oder gefährdet wird, bleibt die nukleare Sicherheit des Standorts eine internationale Herausforderung.

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