Ein bislang wenig beachtetes Grippevirus rückt zunehmend in den Fokus der Forschung – und sorgt für erhebliche Unruhe unter Virologen. Der sogenannte Influenza D-Stamm, der vor allem Rinder und Schweine befällt, könnte nach Einschätzung von Experten das Potenzial für die nächste Pandemie in sich tragen. Schon minimale genetische Veränderungen könnten ausreichen, damit sich das Virus effizient von Mensch zu Mensch überträgt.
Wissenschaftler in den USA warnen, dass der Erreger möglicherweise längst unbemerkt in der Bevölkerung zirkuliert. Bislang wird Influenza D kaum routinemäßig getestet, da das Virus primär mit Nutztieren in Verbindung gebracht wird. Doch Hinweise mehren sich, dass es bereits zu Übertragungen auf den Menschen gekommen sein könnte – insbesondere bei Personen mit engem Tierkontakt.
Virus in unterschiedlichen Zelltypen der Atemwege
Forscher der Ohio State University haben in Laborstudien untersucht, wie sich das Virus in menschlichen Atemwegszellen verhält. Das Ergebnis ist alarmierend: Influenza D konnte sich in unterschiedlichen Zelltypen der Atemwege effizient vermehren und dabei die angeborene Immunabwehr weitgehend umgehen. Die auf dem Preprint-Server bioRxiv veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass nur geringe evolutionäre Anpassungen nötig sein könnten, um eine nachhaltige Mensch-zu-Mensch-Übertragung zu ermöglichen.
Zusätzliche Hinweise liefern Umweltproben. In Luftproben aus Krankenhäusern und an Flughäfen wurden Spuren des Virus nachgewiesen. Besonders auffällig sind serologische Untersuchungen bei Landwirten: In Studien wiesen bis zu 97 Prozent der getesteten Personen mit regelmäßigem Kontakt zu Rindern oder Schweinen Antikörper gegen Influenza D auf – ein deutlicher Hinweis auf bereits erfolgte Infektionen.
Potenziell relevante Bedrohung
Auch die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) stuft den Erreger als potenziell relevante Bedrohung für die öffentliche Gesundheit ein, räumt jedoch ein, dass es bislang an umfassender klinischer Forschung fehlt. Der Virologe John Lednicky von der University of Florida warnt vor einer gefährlichen Lücke: Die Bevölkerung verfüge über keine nennenswerte Immunität, gleichzeitig fehle es an gezielten Präventionsmaßnahmen.
Sollte Influenza D die Fähigkeit entwickeln, sich leicht zwischen Menschen zu verbreiten, könnte sich das Szenario rasch zuspitzen. Die Kombination aus geringer Immunität, fehlender Überwachung und möglicher genetischer Anpassungsfähigkeit macht das Virus aus Sicht vieler Experten zu einem Kandidaten mit Pandemiepotenzial.


