Die geopolitische Spannung um Grönland nimmt weiter zu. Mehrere europäische Staaten unter Führung Großbritanniens und Deutschlands beraten nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg über eine verstärkte militärische Präsenz in der Arktis – mit besonderem Fokus auf das selbstverwaltete dänische Territorium Grönland. Ziel der Initiative ist es demnach, den Vereinigten Staaten zu demonstrieren, dass Europa die Sicherheit in der strategisch hochsensiblen Region ernst nimmt und zugleich den wiederholten Drohungen von US-Präsident Donald Trump entgegenzutreten, Grönland annektieren zu wollen.
Kern der Überlegungen ist die Einrichtung einer Nato-Mission mit dem Namen „Arctic Sentry“. Sie soll nach dem Vorbild der Mission „Baltic Sentry“ aufgebaut werden, die seit einem Jahr kritische Infrastruktur in der Ostsee schützt. Diplomaten zufolge könnte ein solcher Überwachungs- und Sicherungseinsatz den USA das Argument nehmen, Europa vernachlässige die Sicherheitslage im hohen Norden. Die Informationen beruhen laut Bloomberg auf anonymen Quellen aus Regierungskreisen.
Bundeskanzler Friedrich Merz bestätigte während seines Indien-Besuchs, dass die Bundesregierung Handlungsbedarf sieht. Man teile die amerikanischen Sorgen, dass Grönland besser geschützt werden müsse, sagte Merz. Ziel sei es, die Sicherheitslage gemeinsam zu verbessern, und er gehe davon aus, dass sich auch die USA an entsprechenden Maßnahmen beteiligen würden. Gleichzeitig macht Berlin deutlich, dass dies im Rahmen der Nato und nicht unilateral erfolgen müsse.
Auch Großbritannien drängt auf ein stärkeres Engagement des Bündnisses in der Arktis. Nach Angaben der dpa haben sich mehrere Nato-Staaten zuletzt offen für einen Ausbau der Präsenz ausgesprochen. Der britische Premierminister Keir Starmer soll das Thema auf höchster Ebene vorangetrieben und dazu Gespräche mit Bundeskanzler Merz und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron geführt haben. Starmer argumentiert, dass nur eine geschlossene Nato-Präsenz geeignet sei, ein zunehmend aggressives Russland im hohen Norden abzuschrecken.
Parallel dazu bereitet sich die deutsche Diplomatie auf schwierige Gespräche mit Washington vor. Außenminister Johann Wadephul will diese Woche mit US-Außenminister Marco Rubio über Grönland und die Rolle der Nato in der Arktis sprechen. Wadephul betonte, dass alte und neue Rivalitäten mit Russland und China die Region sicherheitspolitisch immer bedeutender machten. Entscheidend sei, die Interessen aller Nato-Verbündeten ebenso zu berücksichtigen wie die der Bevölkerung Grönlands selbst.
US-Präsident Trump zeigt sich von einer Nato-Mission allerdings unbeeindruckt. Er verwies erneut auf den bestehenden großen US-Militärstützpunkt auf Grönland und erklärte, die Vereinigten Staaten könnten ihre Truppen dort jederzeit verstärken. Zugleich bekräftigte er seinen Anspruch, Grönland nicht nur nutzen, sondern „besitzen“ zu wollen. Er sprach ausdrücklich von einem Erwerb der Insel und warnte, andernfalls könnten Russland oder China zugreifen. Medienberichten zufolge soll Trump sogar das Joint Special Operations Command angewiesen haben, einen militärischen Invasionsplan auszuarbeiten.
Während London und Berlin Trump von einer gemeinsamen Nato-Strategie überzeugen wollen, setzt Dänemark weiter auf Diplomatie. Die Außenminister Dänemarks und Grönlands wollen bei einem Besuch in Washington versuchen, sachliche Fehler und aus ihrer Sicht überzogene Sicherheitsbehauptungen zu korrigieren. Auch Rubio hatte zuletzt erklärt, das Ziel sei ein Kauf Grönlands und keine militärische Eskalation, die die Nato gefährden könnte.
In Deutschland wächst derweil der politische Druck, konkrete Schritte zu gehen. Stimmen aus der Opposition und sicherheitspolitischen Kreisen fordern eine stärkere Präsenz der Bundeswehr in der Arktis. Der frühere Grünen-Politiker Jürgen Trittin warnte davor, dass erstmals ein Nato-Staat ernsthaft erwägen könnte, gegen einen anderen Nato-Staat vorzugehen. Unionspolitiker und Vertreter der Bundeswehr-Reserve verlangen ebenfalls sichtbare Taten und sprechen sich für eine verstärkte europäische Truppenpräsenz unter dänischer Führung aus.
Die Debatte um Grönland zeigt damit exemplarisch, wie sehr sich die Arktis zu einem geopolitischen Brennpunkt entwickelt hat – und wie tief die Spannungen innerhalb des westlichen Bündnisses inzwischen reichen.


