Bamberg/München. Ein international koordinierter Schlag gegen kriminelle Strukturen im Darknet hat ein gigantisches Netzwerk mit Bezug zu Kindesmissbrauch zerschlagen. Ermittler des Bayerisches Landeskriminalamt und der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg konnten gemeinsam mit internationalen Partnern mehr als 373.000 Darknet-Seiten abschalten und einen mutmaßlichen Drahtzieher identifizieren.
Tarnplattform für Betrug und schwerste Straftaten
Im Zentrum der jahrelangen Ermittlungen stand die Plattform „Alice with Violence CP“. Hinter dem Angebot verbarg sich ein perfides Geschäftsmodell: Nutzer wurden mit vermeintlichem Zugang zu kinderpornografischem Material gelockt, mussten dafür in Bitcoin bezahlen – erhielten jedoch in vielen Fällen keine Gegenleistung. Die Plattform fungierte somit nicht nur als Umschlagplatz für strafbare Inhalte, sondern auch als großangelegtes Betrugssystem.
Die Ermittler deckten auf, dass der Betreiber ein komplexes Netzwerk aus über 373.000 sogenannten Onion-Domains aufgebaut hatte. Grundlage bildeten mehr als 120 Plattformvarianten, die massenhaft vervielfältigt wurden. Neben Missbrauchsdarstellungen wurden auch angebliche Cybercrime-Dienstleistungen wie gestohlene Kreditkartendaten oder Zugänge zu fremden IT-Systemen angeboten – ebenfalls meist ohne reale Lieferung.
Tausende Nutzer weltweit im Visier
Zwischen 2020 und 2025 sollen rund 10.000 Nutzer weltweit Zahlungen geleistet haben. Die Ermittlungen richteten sich gegen etwa 600 Verdächtige, von denen bislang 440 identifiziert werden konnten. In Deutschland allein laufen Verfahren gegen 89 Beschuldigte.
Ein entscheidender Durchbruch gelang durch die Auswertung von Zahlungsströmen über Kryptowährungen. Trotz gezielter Verschleierung konnten Ermittler Transaktionen einem legalen Zahlungsdienstleister zuordnen und so konkrete Nutzeraktivitäten nachweisen.
Internationale Großoperation „OP Alice“
Am 9. März 2026 startete die großangelegte Polizeiaktion „OP Alice“, an der sich 23 Staaten beteiligten – darunter zahlreiche EU-Länder sowie die USA, Kanada und Australien. Die internationale Koordination übernahm Europol, unterstützt von INTERPOL.
Allein in Deutschland kam es zu Durchsuchungen in mehreren Bundesländern. Dabei wurden zahlreiche Datenträger, Computer und Mobiltelefone sichergestellt. Ziel war es, sowohl Konsumenten als auch Hintermänner der Plattform zu identifizieren.
Zugriff auf Server-Infrastruktur
Am 17. März gelang den Ermittlern ein zentraler Schlag: Insgesamt 105 Server – viele davon in Deutschland – wurden beschlagnahmt. Auf ihnen waren die Hunderttausenden Darknet-Seiten gehostet. Die Plattformen sind inzwischen abgeschaltet und mit einem behördlichen Hinweis versehen.
Die Infrastruktur des Netzwerks war hochkomplex: Zeitweise liefen bis zu 287 Server parallel, ergänzt durch eigene Suchmaschinen und Linkverzeichnisse im Darknet, um neue Nutzer anzulocken.
Mutmaßlicher Betreiber identifiziert
Auch der Betreiber des Systems konnte identifiziert werden. Nach Angaben der Ermittler handelt es sich um einen 35-jährigen Mann aus China. Gegen ihn wurde ein internationaler Haftbefehl erlassen, aktuell wird weltweit nach ihm gefahndet.
Trotz der Nutzung von Verschleierungsdiensten für Kryptowährungen gelang es den Ermittlern, seine Spur nachzuverfolgen – ein bedeutender Erfolg im Kampf gegen anonymisierte Cyberkriminalität.
Konsequentes Eingreifen zum Schutz von Kindern
Während der gesamten Ermittlungen stand der Schutz von Kindern im Vordergrund. Sobald konkrete Gefährdungen erkannt wurden, griffen die Behörden unmittelbar ein. In mehreren Fällen kam es zu schnellen Maßnahmen gegen Tatverdächtige, um mögliche Risiken für Minderjährige zu unterbinden.
Ein Beispiel: Bereits 2023 wurde ein Familienvater in Bayern überführt, der entsprechendes Material erwerben wollte. Trotz technischer Sicherungen konnte ein Datenverlust verhindert und der Mann später verurteilt werden.
Ermittlungen gehen weiter
Trotz des massiven Erfolgs ist die Arbeit der Behörden noch nicht abgeschlossen. Die Auswertung der sichergestellten Daten dürfte weitere Tatverdächtige ans Licht bringen. Experten gehen davon aus, dass der Fall noch lange nicht vollständig aufgeklärt ist.
Der Schlag gegen das Netzwerk zeigt jedoch: Auch im vermeintlich anonymen Darknet sind Täter nicht sicher. Die internationale Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden entwickelt sich zunehmend zu einem wirksamen Instrument im Kampf gegen schwerste Cyberkriminalität.


