Berlin. Nach dem großflächigen Stromausfall im Berliner Südwesten verdichten sich die Hinweise auf einen gezielten Brandanschlag. Die linksextremistische sogenannte „Vulkangruppe“ hat sich in einem ausführlichen Schreiben zu der Tat bekannt und erklärt, den Brand an einer Kabelbrücke nahe des Gaskraftwerks Berlin-Lichterfelde absichtlich gelegt zu haben. Das Schreiben liegt rbb|24 seit Samstag vor und wurde über das offene Kontaktformular der Website übermittelt. Darin werden konkrete Details zum Ablauf des Brandes geschildert.
Das Feuer war am frühen Samstagmorgen auf einer Kabelbrücke über den Teltowkanal ausgebrochen, unweit des Kraftwerks Lichterfelde. Die Folgen waren erheblich: Rund 2.200 Betriebe und etwa 45.000 Haushalte in vier Berliner Bezirken waren zeitweise ohne Strom, Internet und Heizung. Die Störung traf sowohl private Haushalte als auch Unternehmen und kritische Infrastruktur.
Nach Informationen aus Ermittlerkreisen stuft die Polizei das Bekennerschreiben als authentisch und glaubhaft ein. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen und prüft den Fall in alle Richtungen. Auch die Berliner Landespolitik geht inzwischen von einem politischen Tatmotiv aus. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) erklärten bei einem Besuch einer Notunterkunft, es handele sich offenkundig um einen linksextremistisch motivierten Brandanschlag.
In dem Schreiben betonen die Verfasser, die Aktion habe sich nicht gegen die Bevölkerung gerichtet, sondern gegen die fossile Energiewirtschaft. Stromausfälle seien nicht das eigentliche Ziel gewesen. Der Anschlag wird von der Gruppe als „Akt der Notwehr“ und als Ausdruck internationaler Solidarität im Kampf gegen fossile Energie dargestellt. Man hoffe, so die Autoren, einen Beitrag zum Stopp fossiler Energiegewinnung geleistet zu haben.
Sicherheitsbehörden und Extremismusexperten halten das Bekennerschreiben für plausibel. ARD-Terrorismusexperte Michael Götschenberg erklärte, Vorgehen und Rhetorik passten zu früheren Aktionen der Gruppierung. Die „Vulkangruppe“ war in der Region bereits mehrfach mit ähnlichen Anschlägen in Erscheinung getreten. Im März 2024 wurde ein Strommast in Brandenburg in Brand gesetzt, was die Tesla-Fabrik in Grünheide vollständig lahmlegte. Auch bei früheren Fällen – etwa beschädigten Stromkabeln in Berlin-Charlottenburg 2018 und an der Tesla-Baustelle 2021 – tauchten Bekennerschreiben mit ähnlicher Handschrift auf.
Nach Einschätzung von Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung wählt die Gruppe ihre Ziele gezielt aus. Kabelschächte, Datenleitungen und Stromanlagen seien keine Zufallsobjekte. Die Täter wollten demonstrieren, wie verwundbar Kommunikation, Energieversorgung und damit das öffentliche Leben seien. Die Auswirkungen auf Anwohner und Betriebe würden bewusst in Kauf genommen.
Diese Einschätzung deckt sich mit dem Verfassungsschutzbericht 2024. Darin heißt es, die „Vulkangruppe“ suche Anschlagsziele mit „spürbaren Auswirkungen für die Bevölkerung“. Schäden, die nur mit erheblichem Aufwand zu beheben seien, seien Teil der Strategie. Im aktuellen Bekennerschreiben entschuldigen sich die Täter zwar bei weniger wohlhabenden Betroffenen, zeigen jedoch offen Gleichgültigkeit gegenüber wohlhabenderen Anwohnern.
Experten für kritische Infrastruktur warnen zudem vor der niedrigen Hemmschwelle solcher Taten. Für Anschläge dieser Art sei kein Spezialwissen erforderlich. Öffentliche Karten und frei verfügbare Informationen machten zentrale Punkte der Stromversorgung leicht identifizierbar. Das eigentliche Problem sei weniger die Transparenz, sondern fehlende Redundanzen und unzureichendes Notfallmanagement.
Der Anschlag in Berlin-Lichterfelde rückt damit erneut die Frage nach dem Schutz kritischer Infrastruktur in den Fokus – und nach der wachsenden Gefahr politisch motivierter Sabotage mit weitreichenden Folgen für die Zivilbevölkerung.


