Drohne am Flughafen Leipzig/Halle trug Sprengstoff

Der Flughafen Leipzig/Halle ist am Mittwoch zum Schauplatz eines schwerwiegenden Sicherheitsvorfalls geworden (wir berichteten). Auf dem Flughafengelände wurde eine Drohne entdeckt, an der nach bisherigen Erkenntnissen ein Sprengsatz befestigt war. Das Fluggerät lag nur wenige Meter von einem ukrainischen Antonow-Frachtflugzeug entfernt. Nach Informationen aus Sicherheitskreisen soll es sich bei dem Sprengstoff um Semtex gehandelt haben. Dabei handelt es sich um einen leistungsfähigen Plastiksprengstoff, der sowohl militärisch als auch industriell eingesetzt wird. Die Behörden prüfen den Fund deshalb als möglichen Anschlagsversuch und nicht als gewöhnlichen Drohnenvorfall.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach am Abend am Flughafen von einem „hybriden Anschlagsszenario“. Die Dimension des Vorgangs sei erheblich: Für eine derartige Operation seien technisches Know-how, Kenntnisse über Sprengstoffe und eine professionelle Vorbereitung erforderlich.

Zufällige Entdeckung verhinderte möglicherweise Schlimmeres

Nach bisherigen Erkenntnissen wurde die Drohne zunächst von einem Busfahrer beziehungsweise einem Mitarbeiter im Bereich des Flughafens bemerkt. Das Fluggerät soll zuvor in geringer Höhe unterwegs gewesen sein und schließlich zu Boden gebracht worden sein. Später wurde es auf dem Flughafengelände nahe einer ukrainischen Antonow gesichert. Die genaue Abfolge der Ereignisse ist Gegenstand der Ermittlungen. Fest steht jedoch: Wäre der Sprengsatz tatsächlich detoniert, hätte sich die Drohne in unmittelbarer Nähe eines großen Frachtflugzeugs befunden. Besonders brisant ist dabei die mögliche Kombination aus Drohne und Sprengladung. Ein solcher Einsatz würde nicht nur den Flugbetrieb gefährden, sondern könnte bei einem Treffer auf ein Flugzeug oder bei einer Explosion auf dem Vorfeld erhebliche Schäden verursachen.

Warum der Sprengsatz nicht explodierte

Eine entscheidende Frage der Ermittler lautet derzeit, warum es nicht zu einer Explosion kam. Nach bisherigen Informationen soll der Zünder der Drohne nicht funktioniert haben. Genau dieser Umstand könnte verhindert haben, dass aus dem Fund ein schweres Unglück wurde. Die Polizei sicherte den Sprengsatz zunächst und brachte die Drohne in einen abgesicherten Bereich des Flughafens. Dort wurde der Gegenstand später kontrolliert gesprengt. Die Detonation war am Nachmittag auf dem Flughafengelände zu hören. Für die Ermittler ist der Sprengsatz damit zwar zerstört, gleichzeitig müssen nun die sichergestellten Spuren ausgewertet werden. Konstruktion, verwendete Komponenten und Herkunft der Drohne könnten wichtige Hinweise auf die Verantwortlichen liefern.

Zweite Drohne kollidiert mit DHL-Frachtmaschine

Noch brisanter wird der Fall durch einen weiteren Vorfall. Kurz nach dem Fund der Sprengstoff-Drohne kam es zu einer Kollision zwischen einem zweiten unbekannten Flugobjekt und einer DHL-Frachtmaschine. Die Maschine musste ihren Landeanflug abbrechen und wurde nach Hannover umgeleitet. Das Flugzeug wurde dabei beschädigt. Ob zwischen diesem Vorfall und der Sprengstoff-Drohne ein Zusammenhang besteht, ist derzeit offen. Die zeitliche Nähe beider Ereignisse dürfte für die Ermittler jedoch von erheblicher Bedeutung sein. Es muss geklärt werden, ob es sich um zwei voneinander unabhängige Zwischenfälle oder um Bestandteile eines koordinierten Vorgehens handelt.

Dobrindt spricht von hybrider Bedrohung

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt reiste angesichts der Ereignisse zum Flughafen und unterbrach dafür seinen Urlaub. Nach einer Lagebesprechung mit den Sicherheitsbehörden bezeichnete er den Vorgang als professionell geplante hybride Bedrohung. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wer die Drohne gesteuert hat. Die Ermittler müssen auch klären, wer das Fluggerät mit dem Sprengstoff ausgestattet hat, wie es auf das Flughafengelände gelangen konnte und welches Ziel tatsächlich verfolgt wurde. Dobrindt schloss in diesem Zusammenhang auch die Beteiligung einer ausländischen Macht nicht aus. Konkrete Beweise für eine staatliche Urheberschaft liegen bislang allerdings nicht vor.

Damit ist eine wichtige Unterscheidung erforderlich: Der Vorfall wird als mögliche hybride Bedrohung untersucht – die Herkunft der Täter ist bislang ungeklärt.

Flughafen Leipzig/Halle als kritische Infrastruktur

Der Vorfall trifft einen besonders sensiblen Ort. Der Flughafen Leipzig/Halle ist nicht nur ein bedeutender Verkehrsflughafen, sondern vor allem ein internationales Luftfracht-Drehkreuz. Das DHL-Hub wird rund um die Uhr betrieben und zählt zu den wichtigsten Umschlagplätzen des Konzerns. Darüber hinaus besitzt der Standort eine besondere strategische Bedeutung. Auf dem Flughafen werden regelmäßig große Frachtflugzeuge abgefertigt, darunter auch Antonow-Maschinen. Der Standort war und ist zudem in internationale militärische und logistische Transportstrukturen eingebunden. Ein Angriff auf diese Infrastruktur hätte deshalb eine deutlich größere Bedeutung als eine gewöhnliche Störung des Flugverkehrs.

Sicherheitslücken bei der Drohnenabwehr im Fokus

Der Vorfall dürfte zugleich die Debatte über den Schutz deutscher Flughäfen vor Drohnen neu entfachen. Der Flughafenverband ADV kritisierte bereits in der Vergangenheit, dass angekündigte Systeme zur Erkennung und Abwehr von Drohnen nicht an allen großen Flughäfen vollständig verfügbar seien. Das Problem ist technisch anspruchsvoll: Kleine Drohnen können schwer erkannt werden und sich vergleichsweise unauffällig bewegen. In unmittelbarer Nähe eines Flughafens können sie jedoch erhebliche Risiken für den Luftverkehr darstellen. Noch schwieriger wird die Lage, wenn ein Fluggerät nicht lediglich zur Beobachtung eingesetzt wird, sondern mit einem gefährlichen Gegenstand oder Sprengstoff bestückt ist.

Ermittler prüfen mögliche Verbindungen nach Russland und in die Ukraine

Die Ermittlungen werden inzwischen auf mehreren Ebenen geführt. Beteiligt sind unter anderem die Bundespolizei, das Landeskriminalamt Sachsen und die Generalstaatsanwaltschaft Dresden. Eine Sonderkommission mit rund 100 Beamten wurde eingerichtet. Dabei wird auch geprüft, ob der Fall in einen größeren Zusammenhang mit bereits bekannten Sabotageaktivitäten in Europa stehen könnte. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine beschäftigen sich deutsche und europäische Sicherheitsbehörden zunehmend mit sogenannten hybriden Bedrohungen. Dazu gehören unter anderem Sabotage, Spionage, Desinformation und der Einsatz von sogenannten Wegwerfagenten. Ein konkreter Nachweis, dass Russland hinter dem Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle steckt, liegt derzeit jedoch nicht vor.

Noch keine Entwarnung für die Sicherheitsbehörden

Der Fund der Sprengstoff-Drohne ist damit weit mehr als ein ungewöhnlicher Zwischenfall im Luftverkehr. Er wirft grundsätzliche Fragen zum Schutz kritischer Infrastruktur auf. Besonders alarmierend ist die Kombination mehrerer Faktoren: eine Drohne mit mutmaßlichem militärischem Sprengstoff, ein international bedeutender Frachtflughafen, ein ukrainisches Großraumflugzeug in unmittelbarer Nähe und ein weiterer Drohnenvorfall mit einer DHL-Maschine. Ob dahinter tatsächlich ein koordinierter Anschlagsversuch steckt, müssen die Ermittlungen zeigen. Derzeit steht lediglich fest, dass der Flughafen Leipzig/Halle mit einer potenziell erheblichen Gefahrenlage konfrontiert war.

Dass der Sprengsatz offenbar nicht wie vorgesehen ausgelöst wurde, könnte dabei entscheidend gewesen sein. Aus einem gefährlichen Sicherheitsvorfall hätte andernfalls innerhalb weniger Sekunden eine Katastrophe mit möglicherweise weitreichenden Folgen entstehen können.

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