Seit dem Abschalten der letzten Atomkraftwerke im Jahr 2023 gilt Deutschland offiziell als kernenergiefrei. Doch aus Sicht der CSU ist dieses Kapitel noch lange nicht abgeschlossen. Die Partei fordert einen Wiedereinstieg in die Atomenergie – allerdings mit einem grundlegend neuen Ansatz. Kernstück der Initiative ist ein veränderter Umgang mit radioaktiven Abfällen, der die Akzeptanz der Technologie erhöhen soll.
Angesichts hoher Strompreise und der Herausforderungen des Klimawandels setzt die CSU auf eine sogenannte nukleare Kreislaufwirtschaft. In einem Positionspapier, das bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe Anfang Januar verabschiedet werden soll, heißt es, das langfristige Ziel sei eine „Kernenergie ohne radioaktive Abfälle“. Deutschland müsse dabei eine führende Rolle einnehmen und Vorreiter bei der Wiederaufbereitung von Atommüll werden.
Atommüll als Rohstoff?
Konkret setzt die CSU auf neue Technologien wie die Transmutation. Dabei sollen langlebige radioaktive Abfälle in Stoffe mit deutlich kürzerer Halbwertszeit umgewandelt werden. Zusätzlich verspricht sich die Partei davon wirtschaftliche Effekte: Durch die Umwandlung könnten wertvolle Materialien, etwa Edelmetalle, zurückgewonnen werden. Das Volumen an hochradioaktivem Müll, der dauerhaft endgelagert werden muss, ließe sich so erheblich reduzieren.
Parallel bekräftigt die CSU ihre Forderungen nach neuen Reaktortypen. Dazu zählen kleine modulare Kernkraftwerke (Small Modular Reactors), Reaktoren der vierten und fünften Generation sowie langfristig auch die Nutzung der Kernfusion. Letztere gilt parteiübergreifend als Zukunftstechnologie, auch wenn Experten eine Marktreife erst in weiter Ferne sehen. In Bayern haben sich mit Proxima, Marvel und Gauss bereits mehrere Unternehmen auf diesem Gebiet angesiedelt.
Scharfe Kritik aus der SPD
Der Vorstoß stößt beim Koalitionspartner SPD auf massiven Widerstand. Die energiepolitische Sprecherin Nina Scheer bezeichnet Atomenergie als die teuerste Form der Stromerzeugung und sieht angesichts günstiger erneuerbarer Energien keine wirtschaftliche Perspektive. Pläne für einen Wiedereinstieg seien realitätsfern. Zudem äußerte sie den Verdacht, dass entsprechende Konzepte letztlich militärische Ziele begünstigen könnten – ein Vorwurf, den die CSU bislang zurückweist.
Politisch ist der Vorstoß brisant. Bereits im Koalitionsvertrag hatten sich CDU und CSU mit Forderungen nach neuen Kernkraftwerken nicht durchsetzen können. Der Atomausstieg, den Deutschland 2011 – auch mit Zustimmung der CSU – beschlossen hatte, gilt offiziell weiterhin. Dennoch will die CSU mit ihrer Klausur im Kloster Seeon neue Akzente setzen und den energiepolitischen Kurs der Bundesregierung beeinflussen.
Ob die Forderungen über die Parteigrenzen hinaus Wirkung entfalten, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Debatte über Atomkraft und Atommüll ist in Deutschland wieder voll entbrannt – und sie dürfte angesichts steigender Energiepreise und internationaler Konkurrenz weiter an Schärfe gewinnen.


