Berlin/Karlsruhe. Der tagelange Stromausfall im Südwesten Berlins entwickelt sich zu einem der schwerwiegendsten Sabotagefälle der vergangenen Jahre. Nach dem gezielten Brandanschlag auf die Stromversorgung hat nun die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen an sich gezogen. Damit stuft die oberste deutsche Strafverfolgungsbehörde den Fall als besonders schwerwiegend ein – mit möglichem Terrorismusbezug.
Wie die Bundesanwaltschaft mitteilte, bestehe unter anderem der Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, der verfassungsfeindlichen Sabotage, der schweren Brandstiftung sowie der Störung öffentlicher Betriebe. Zuvor hatte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft ermittelt. Die Übernahme durch den Generalbundesanwalt gilt als klares Signal, dass die Tat bundesweite sicherheitspolitische Relevanz hat.
Ausgangspunkt der Ermittlungen ist ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke am Teltowkanal. Seit Samstagmorgen waren infolgedessen rund 45.000 Haushalte und etwa 2.200 Unternehmen im Berliner Südwesten ohne Strom. Auch am vierten Tag nach der Tat ist die Lage noch nicht vollständig unter Kontrolle: Nach Angaben des Netzbetreibers waren zuletzt weiterhin rund 25.500 Haushalte sowie etwa 1.200 Betriebe von der Versorgung abgeschnitten. Erst bis Donnerstagnachmittag soll die Stromversorgung vollständig wiederhergestellt sein.
Politik spricht offen von Terrorismus
Für Berliner Politik und Sicherheitsbehörden ist seit Sonntag klar: Es handelt sich um einen politisch motivierten Anschlag. Innensenatorin Iris Spranger und Regierender Bürgermeister Kai Wegner bezeichneten die Tat öffentlich als „Linksterrorismus“. Die Täter hätten bewusst in Kauf genommen, dass Menschen durch den Ausfall von Strom, Heizung und Kommunikation gefährdet würden. Ein bei den Behörden eingegangenes Bekennerschreiben gilt nach Einschätzung der Ermittler als authentisch.
Verfasst wurde es von der sogenannten „Vulkangruppe“. Unter der Überschrift „Den Herrschenden den Saft abdrehen“ rechtfertigen die Verfasser den Anschlag mit einem radikalen Kampf gegen die fossile Energiewirtschaft. Das Gaskraftwerk Lichterfelde sei „erfolgreich sabotiert“ worden. Zwar behauptet die Gruppe, Stromausfälle seien nicht das Ziel gewesen – tatsächlich traf der Angriff jedoch zehntausende unbeteiligte Menschen.
Bekennerschreiben und ideologischer Hintergrund
Die „Vulkangruppe“ ist den Sicherheitsbehörden seit Jahren bekannt. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz agiert sie seit mindestens 2011 vor allem in Berlin und Brandenburg und wird dem gewaltorientierten, anarchistischen Spektrum des Linksextremismus zugeordnet. Die Gruppe bekennt sich regelmäßig unter wechselnden Namen, die auf isländische Vulkane wie Grimsvötn, Katla oder Ok anspielen – eine mutmaßliche Anspielung auf den Ausbruch des Eyjafjallajökull im Jahr 2010, der den europäischen Flugverkehr lahmlegte.
Bis 2024 waren den Behörden mindestens elf Tatkomplexe bekannt, zu denen sich die Gruppe bekannt hatte. Inzwischen gehen Ermittler von weiteren Anschlägen aus.
Nach dem aktuellen Angriff legte die Gruppe sogar nach: In einer „Richtigstellung“ erklärten die Täter, ihre Aktion richte sich nicht gegen Menschen, sondern gegen eine Infrastruktur, die Umweltzerstörung ermögliche. Gleichzeitig räumen sie ein, dass die harten Folgen für Alte, Kranke und Kinder bewusst in Kauf genommen worden seien. Diese „Härte“ sei nicht zufällig, heißt es wörtlich.
Debatte über mögliche Hintermänner
Zusätzliche Brisanz erhielt der Fall durch Spekulationen über eine mögliche Einflussnahme aus dem Ausland, insbesondere aus Russland. Diese wies die „Vulkangruppe“ in ihrem Schreiben scharf zurück. Auch Berlins Polizeivizepräsident Marco Langner erklärte, es gebe keinerlei Hinweise auf eine russische Steuerung. Die Ermittlungen – gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt – deuteten eindeutig auf die linksextremistische Szene hin. Tatmittel, Brandbeschleuniger, Spürhundeeinsätze und Videoauswertungen stützten diese Einschätzung.
Gleichwohl halten einzelne Politiker und Experten es für notwendig, auch internationale Verbindungen nicht vorschnell auszuschließen. Die Bundesanwaltschaft prüft nun alle Spuren – mit maximalem Ermittlungsaufwand. Der Fall zeigt eindrücklich, wie verwundbar kritische Infrastruktur ist – und wie schnell aus ideologisch motivierter Sabotage ein flächendeckender Ausnahmezustand werden kann.



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