Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche findet immer häufiger im digitalen Raum statt. Das zeigt das neue Bundeslagebild „Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen“. Besonders bei sexuellen Missbrauchshandlungen ohne Körperkontakt sowie bei Straftaten im Zusammenhang mit jugendpornographischen Inhalten wurden 2025 neue Höchststände registriert. Die Entwicklung zeigt, wie stark soziale Netzwerke, Messenger und Online-Spiele inzwischen von Tätern genutzt werden, um Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen. Auch Künstliche Intelligenz verändert die Methoden der Täter und schafft neue Möglichkeiten für Manipulation und Erpressung.
Mehr als 20.000 minderjährige Opfer registriert
2025 wurden 17.126 Fälle sexuellen Missbrauchs an Kindern erfasst. Bei Jugendlichen waren es 1.239 Fälle. Insgesamt wurden damit 20.051 minderjährige Opfer registriert – mehr als im Vorjahr. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen. Die Statistik erfasst nur das sogenannte Hellfeld, also bekannt gewordene und angezeigte Straftaten. Das Dunkelfeld könnte nach Einschätzung von Experten mindestens ebenso groß sein.
Online-Straftaten nehmen deutlich zu
Besonders stark wächst der sexuelle Missbrauch ohne direkten Körperkontakt. 2025 wurden 4.861 Fälle registriert – ein Anstieg von 16,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch Straftaten im Zusammenhang mit jugendpornographischen Inhalten erreichten mit 11.515 Fällen einen neuen Höchstwert. Auffällig ist, dass etwa die Hälfte der Tatverdächtigen selbst minderjährig ist. Häufig werden intime Aufnahmen unbedacht erstellt und anschließend über Messenger oder soziale Netzwerke weitergeleitet. Straftaten im Zusammenhang mit kinderpornographischen Inhalten gingen zwar leicht zurück, lagen mit 41.677 Fällen aber weiterhin auf einem extrem hohen Niveau.
Cybergrooming beginnt oft beim Gaming
Täter nutzen zunehmend digitale Plattformen, um Vertrauen zu Kindern und Jugendlichen aufzubauen. Kontakte entstehen häufig über soziale Netzwerke, Messenger oder Computerspiele. In rund 45 Prozent der Fälle besteht laut Lagebild bereits eine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer. In etwa zehn Prozent der digital angebahnten Kontakte kommt es zu einem persönlichen Treffen. Rund 70 Prozent dieser Treffen führen demnach zu sexuellem Missbrauch. Die Gefahr beschränkt sich damit nicht auf den digitalen Raum. Online-Kontakte können den Ausgangspunkt für reale Straftaten bilden.
Sextortion wird zur wachsenden Gefahr
Auch sogenannte Sextortion-Fälle nehmen deutlich zu. Dabei werden Betroffene mit intimen Bildern oder Videos erpresst. Täter drohen beispielsweise damit, das Material zu veröffentlichen, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Für Jugendliche kann die Situation zu einem erheblichen psychischen Druck führen. Scham und Angst vor einer Veröffentlichung halten viele Betroffene davon ab, sich Hilfe zu suchen. Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch, Kerstin Claus, fordert deshalb einen besseren Schutz von Jugendlichen und eine stärkere strafrechtliche Berücksichtigung solcher Taten.
BKA fordert bessere Ermittlungsinstrumente
BKA-Präsident Holger Münch berichtet von mehr als 100.000 strafrechtlich relevanten Hinweisen, die das BKA 2025 vom US-amerikanischen National Center for Missing and Exploited Children erhielt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt fordert unterdessen eine bessere Möglichkeit zur Identifizierung von Tätern und wirbt für die Speicherung von IP-Adressen. Täter dürften sich nicht auf die Anonymität des Internets verlassen können, so seine Argumentation. Gleichzeitig ist die Forderung politisch umstritten. Datenschützer warnen vor Eingriffen in die Privatsphäre und die Rechte unbescholtener Nutzer.
Europa sucht nach dauerhafter Lösung
Das BKA sieht zudem eine Lücke bei der digitalen Erkennung und Meldung von Missbrauchsinhalten und Cybergrooming. Die EU müsse deshalb bis zum Auslaufen der aktuellen Übergangsregelung im April 2028 eine dauerhafte Lösung schaffen. Die Herausforderung ist groß: Kinder und Jugendliche sollen im Internet besser geschützt und Täter schneller identifiziert werden. Gleichzeitig müssen Datenschutz und die Vertraulichkeit privater Kommunikation gewahrt bleiben.
Das Internet wird zum zentralen Tatort
Die aktuellen Zahlen zeigen deutlich, dass sich sexuelle Gewalt gegen Minderjährige zunehmend in die digitale Welt verlagert. Messenger, soziale Netzwerke und Online-Spiele bieten Tätern neue Möglichkeiten, Kontakte anzubahnen und Opfer zu manipulieren. Mit Cybergrooming, Sextortion und KI-generierten Inhalten entstehen zudem neue Gefahren. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen wird damit zunehmend zu einer digitalen Sicherheitsaufgabe. Polizei, Politik, Plattformbetreiber und Gesellschaft stehen vor der Herausforderung, mit der rasanten technischen Entwicklung Schritt zu halten – und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass das Internet für Minderjährige sicherer wird.


