China treibt den Ausbau seiner Kernenergie mit hohem Tempo voran. Am Kernkraftwerksstandort Taipingling in der südchinesischen Provinz Guangdong hat Reaktorblock 2 erstmals eine kontrollierte Kettenreaktion erreicht. Mit diesem sogenannten Erreichen der Kritikalität tritt die Anlage in eine entscheidende Phase vor der späteren Stromproduktion ein. Der Schritt gilt als wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Netzsynchronisation und zur vollständigen Inbetriebnahme des Reaktors.
Der Reaktor gehört zur chinesischen Baureihe Hualong One (HPR1000), einem Druckwasserreaktor der neuesten Generation, den China als technologische Eigenentwicklung weltweit vermarktet. Mit einer Nettoleistung von rund 1.116 Megawatt soll die Anlage künftig einen bedeutenden Beitrag zur Energieversorgung der wirtschaftsstarken Guangdong-Region leisten.
Betriebsgenehmigung und Brennstoffbeladung abgeschlossen
Bereits Ende April hatte die chinesische Atomaufsicht dem zweiten Block eine Betriebsgenehmigung mit einer Laufzeit von 40 Jahren erteilt. Kurz darauf wurden insgesamt 177 Brennelemente in den Reaktorkern geladen. Nachdem sämtliche Vorbereitungen und Sicherheitstests erfolgreich abgeschlossen waren, erreichte der Reaktor am 25. Juni erstmals den kritischen Zustand. Nach Angaben des Betreibers China General Nuclear (CGN) schafft dieser Schritt die Grundlage für die nächsten Testphasen, bevor der Reaktor ans Stromnetz angeschlossen werden kann.
Gigantisches Atomprojekt mit sechs Reaktorblöcken
Taipingling zählt zu den größten laufenden Kernenergieprojekten Chinas. Insgesamt sind an dem Standort sechs Hualong-One-Reaktoren geplant. Die Bauarbeiten für die ersten beiden Blöcke begannen 2019 beziehungsweise 2020. Während Block 1 bereits im April 2026 den kommerziellen Betrieb aufgenommen hat, nähert sich nun auch Block 2 der Fertigstellung. Parallel läuft bereits die Erweiterung des Standorts. Die chinesische Regierung genehmigte Ende 2023 die zweite Bauphase mit den Reaktoren 3 und 4. Block 3 befindet sich seit 2025 im Bau, bei Block 4 wurde im Mai 2026 mit den sicherheitsrelevanten Betonarbeiten begonnen.
China setzt auf Serienbau statt Einzelprojekte
Der Ausbau in Taipingling steht exemplarisch für Chinas Strategie, standardisierte Reaktortypen in großer Stückzahl zu errichten. Fachleute sehen darin einen wichtigen Grund für die vergleichsweise kurzen Bauzeiten und die hohe Umsetzungsgeschwindigkeit. In Fachforen wird regelmäßig darauf hingewiesen, dass China durch den kontinuierlichen Bau identischer Reaktoren Erfahrungen, Fachwissen und Lieferketten effizient bündeln kann. Während zahlreiche westliche Staaten mit Verzögerungen und steigenden Kosten bei Neubauprojekten kämpfen, entstehen in China weiterhin neue Kernkraftwerke in Serie. Der Standort Taipingling gilt dabei als eines der Vorzeigeprojekte der chinesischen Atomindustrie.
Milliardeninvestition für klimafreundliche Stromerzeugung
Die Investitionen für den kompletten Standort belaufen sich auf mehr als 120 Milliarden Yuan, umgerechnet rund 17 Milliarden US-Dollar. Nach Fertigstellung aller sechs Reaktoren soll das Kraftwerk jährlich mehr als 55 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen. Nach Angaben des Betreibers könnten dadurch jedes Jahr rund 16,65 Millionen Tonnen Kohle eingespart und über 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid vermieden werden. Für China ist das Projekt ein weiterer Baustein beim Spagat zwischen wachsendem Energiebedarf, Versorgungssicherheit und den Klimazielen des Landes.


