Letzter Kerosin-Tanker unterwegs nach UK

Die Versorgungslage mit Kerosin in Europa spitzt sich dramatisch zu – mit ersten konkreten Folgen für den Flugverkehr. Während noch vor wenigen Wochen mehrere Tanker gleichzeitig Kurs auf Nordwesteuropa nahmen, ist aktuell nur noch ein einziges Schiff unterwegs. Danach droht eine gefährliche Versorgungslücke.

Die britische Regionalfluggesellschaft Aurigny hat als erste Airline reagiert und Flüge gestrichen. Verbindungen zwischen Guernsey und London werden ab Mitte April bis in den Sommer hinein ausgesetzt, weitere Strecken wurden zusammengelegt. Zusätzlich erhebt das Unternehmen eine Kerosin-Zusatzgebühr. Offiziell spricht die Airline von einer vorsorglichen Maßnahme angesichts globaler Unsicherheiten – tatsächlich ist es ein erstes sichtbares Zeichen einer sich zuspitzenden Krise.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht derzeit ein einzelner Tanker: die Maetiga. Das Schiff transportiert Flugbenzin aus Saudi-Arabien nach Großbritannien und soll zu Ostern eintreffen. Doch danach ist laut Daten der Analysefirmen Kpler und Vortexa kein weiterer Nachschub in Sicht. Wo zuvor durchschnittlich acht Tanker pro Woche unterwegs waren, ist nur noch ein einziger geblieben.

Die Zahlen zeigen die Wucht der Entwicklung: Die Jet-Fuel-Importe nach Nordwesteuropa sind innerhalb weniger Wochen von rund 600.000 Tonnen auf etwa 250.000 Tonnen pro Woche eingebrochen. Parallel dazu haben sich die Preise laut Argus Media auf bis zu 1.700 Dollar pro Tonne nahezu verdoppelt. Für Experten ist klar: Der Markt steht unter massivem Druck.

Offiziell bemühen sich Regierungen um Beruhigung. Sowohl in London als auch in Berlin ist von stabilen Lieferketten und ausreichender Diversifizierung die Rede. Doch hinter den Kulissen wächst die Nervosität. Analysten wie Janiv Shah von Rystad Energy warnen vor unmittelbar bevorstehenden Engpässen. Vertreter der Luftfahrtbranche sprechen bereits von einer der schwersten Belastungsproben seit der Corona-Pandemie.

Ein zentrales Problem liegt in der geopolitischen Lage: Rund 40 Prozent des europäischen Kerosins hängen an Lieferketten durch die strategisch wichtige Straße von Hormus. Diese Route ist infolge internationaler Spannungen massiv gestört. Europa verliert dadurch nicht nur punktuell, sondern strukturell wichtige Mengen an Treibstoff.

Zwar wird versucht, Ersatz aus den USA, aus Westafrika oder Indien zu beschaffen. Doch der globale Markt funktioniert zunehmend wie ein Bieterverfahren: Wer mehr zahlt, erhält den Zuschlag. Tanker werden kurzfristig umgeleitet, Lieferungen neu verhandelt – ein hochdynamisches und zunehmend instabiles System.

Die Auswirkungen erreichen bereits die Verbraucher. Flugtickets werden spürbar teurer, insbesondere bei kurzfristigen Buchungen und in der Hauptreisezeit. Airlines geben die steigenden Treibstoffkosten weiter – zunächst vorsichtig, dann zunehmend konsequent. Auch große Konzerne geraten unter Druck. Bei der Lufthansa wird intern geprüft, Teile der Flotte vorübergehend stillzulegen. Im Gespräch sind bis zu 40 Maschinen – ein deutlicher Einschnitt, der die angespannte Lage unterstreicht.

Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle im europäischen Versorgungssystem. Als logistischer Knotenpunkt ist das Land eng in die Lieferketten über Häfen wie Rotterdam und Antwerpen eingebunden. Doch genau dieses System gerät ins Wanken, wenn die Zuflüsse versiegen.

Die Entwicklung offenbart ein grundlegendes Problem: Europa hat sich zwar politisch von russischem Öl gelöst, ist aber weiterhin abhängig von fragilen globalen Lieferketten. Die Abhängigkeit ist nicht verschwunden – sie hat sich lediglich verlagert. Was bleibt, ist ein beunruhigendes Bild: Ein letzter Tanker auf dem Weg nach Europa – und danach eine Versorgung, die zunehmend unsicher wird.

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