Im Grenzgebiet zwischen Thailand und Kambodscha ist der seit Monaten schwelende Territorialkonflikt erneut in eine akute Gewaltphase übergegangen. Nach dem Bruch einer erst kurz zuvor vereinbarten Waffenruhe fliegt die thailändische Armee wieder Luftangriffe und bereitet eine der größten Evakuierungen in der jüngeren Geschichte des Landes vor. Mehr als 385.000 Menschen sollen in Sicherheit gebracht werden, über 35.000 befinden sich bereits in Notunterkünften.
Das thailändische Militär erklärte, eigene Truppen in der Provinz Ubon Ratchathani seien zuvor unter kambodschanischen Beschuss geraten. Ein Soldat sei getötet, vier weitere verletzt worden. Als Reaktion habe man Kampfflugzeuge gegen „militärische Ziele auf kambodschanischem Territorium“ eingesetzt. Kambodscha weist die Vorwürfe zurück und spricht seinerseits von Angriffen der thailändischen Armee bei Tagesanbruch. Provokationen der vergangenen Tage hätten die Lage zusätzlich angeheizt. Kambodschas Verteidigungsministerium betonte, die eigenen Truppen hätten nicht zurückgeschossen.
Die Eskalation kommt nur wenige Wochen nach dem Scheitern einer im Oktober geschlossenen Waffenruhe, die unter Vermittlung von US-Präsident Donald Trump und Malaysias Premierminister Anwar Ibrahim zustande gekommen war. Thailand hatte die Umsetzung Mitte November ausgesetzt, nachdem ein Soldat an einer Landmine schwer verletzt worden war.
Der bilaterale Streit um Grenzverläufe reicht mehr als ein Jahrhundert zurück und entzündet sich immer wieder an nicht eindeutig markierten Abschnitten der 817 Kilometer langen Grenze. Das Gebiet war 1907 von der französischen Kolonialverwaltung kartiert worden – bis heute ziehen sich daraus Unklarheiten und konkurrierende Souveränitätsansprüche. Seit Juli war der Konflikt erneut aufgeflammt und hatte zu einem fünftägigen Gefecht geführt, bei dem mindestens 48 Menschen starben und rund 300.000 zeitweise fliehen mussten. Die aktuelle Eskalation lässt befürchten, dass die Region erneut in eine längere Phase der Instabilität abrutschen könnte.


