Ein ungewöhnlich starkes Erdbeben hat am Freitagabend die Region um Neapel erschüttert. Die Erschütterungen waren in weiten Teilen der dicht besiedelten Metropolregion deutlich zu spüren. Viele Menschen verließen aus Angst ihre Wohnungen und Häuser. Das Beben ereignete sich in den Phlegräischen Feldern, einem vulkanisch aktiven Gebiet westlich von Neapel. Das italienische Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) registrierte eine Magnitude von 4,7. Das Epizentrum lag damit in einer Region, die seit Jahren wegen ihrer hohen vulkanischen Aktivität intensiv überwacht wird. Die Erschütterungen lösten in Neapel und den umliegenden Gemeinden große Unruhe aus. Für die Bevölkerung kam das Beben besonders überraschend, weil die Erschütterungen deutlich stärker waren als viele der kleineren Erdstöße, die in den Phlegräischen Feldern regelmäßig auftreten.
Phlegräische Felder sind besonders sensibel
Die Phlegräischen Felder gehören zu den geologisch aktivsten Gebieten Europas. Anders als beim weithin sichtbaren Vesuv handelt es sich nicht um einen einzelnen klassischen Vulkankegel, sondern um ein ausgedehntes vulkanisches Gebiet. Unter der Erde befinden sich große Magmakammern und ein komplexes hydrothermales System. Die Region ist deshalb seit Jahrzehnten Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Beobachtung. Das INGV betreibt dort ein engmaschiges Netz aus seismischen, geodätischen und geochemischen Messstationen. Ziel ist es, Veränderungen der vulkanischen Aktivität möglichst frühzeitig zu erkennen.
Beben der Stärke 4,7 besonders deutlich spürbar
Eine Magnitude von 4,7 ist für die Region erheblich. Bei einem solchen Erdbeben können Gebäude schwanken, Gegenstände herunterfallen und bereits kleinere Schäden an Gebäuden entstehen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Stärke des Bebens. Auch die geringe Tiefe eines Erdbebens kann dazu führen, dass die Erschütterungen an der Oberfläche besonders intensiv wahrgenommen werden. Genau das ist in den Phlegräischen Feldern ein wiederkehrendes Problem: Viele Beben liegen relativ oberflächennah und werden deshalb von der Bevölkerung sehr deutlich wahrgenommen.
Nach dem Hauptbeben folgen weitere Erdstöße
Nach dem stärkeren Erdstoß registrierten die Messstationen weitere kleinere Erdbeben in den Phlegräischen Feldern. Das INGV verzeichnete unter anderem weitere Ereignisse mit Magnituden von 2,9, 2,7 und 3,1. Solche Nachbeben beziehungsweise weitere Erdstöße sind nach einem stärkeren seismischen Ereignis nicht ungewöhnlich. Für die Wissenschaft sind sie gleichzeitig wichtig, weil die Abfolge der Beben Aufschluss über die Vorgänge im Untergrund geben kann. Die Messdaten werden deshalb fortlaufend ausgewertet.
Kein Hinweis auf unmittelbar bevorstehenden Vulkanausbruch
Die starke Erschütterung sorgt angesichts der vulkanischen Vorgeschichte der Region zwangsläufig für Ängste vor einem möglichen Ausbruch. Ein einzelnes starkes Erdbeben bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Vulkanausbruch bevorsteht. Die Phlegräischen Felder befinden sich zwar in einer Phase erhöhter vulkanischer Unruhe. Wissenschaftler bewerten dafür jedoch nicht ein einzelnes Erdbeben, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Messgrößen. Dazu gehören die Häufigkeit und Stärke von Erdbeben, Bodenhebungen sowie Veränderungen bei Temperatur und Zusammensetzung vulkanischer Gase.
Ein aktueller Wochenbericht des Vesuv-Observatoriums hatte für die Phlegräischen Felder eine anhaltende Aktivität des hydrothermalen Systems beschrieben. Gleichzeitig wurden damals keine Anzeichen für eine unmittelbar bevorstehende bedeutende Veränderung der vulkanischen Situation festgestellt.
Boden hebt sich seit Monaten
Besondere Aufmerksamkeit gilt in der Region dem sogenannten Bradyseismus. Dabei hebt oder senkt sich der Boden über längere Zeiträume. Das Phänomen ist für die Phlegräischen Felder charakteristisch und steht mit Vorgängen im vulkanischen Untergrund in Verbindung. Nach Angaben des INGV lag die durchschnittliche monatliche Hebungsrate in der Zone mit der stärksten Deformation Anfang Juli bei rund 10 Millimetern pro Monat. Gleichzeitig wurden Veränderungen im hydrothermalen System festgestellt. Diese Entwicklung erklärt, warum selbst vergleichsweise kurze Phasen mit stärkerer Erdbebentätigkeit von den Wissenschaftlern besonders genau beobachtet werden.
Neapel liegt in einer besonders gefährdeten Region
Die Dimension des Risikos wird deutlich, wenn man die Bevölkerungsdichte betrachtet. In und um Neapel leben Millionen Menschen in unmittelbarer Nähe zu vulkanisch aktiven Gebieten. Neben den Phlegräischen Feldern befindet sich östlich der Stadt der Vesuv. Beide Vulkangebiete gehören zu den wichtigsten Naturgefahrenregionen Italiens. Ein größeres vulkanisches Ereignis wäre deshalb nicht nur ein geologisches, sondern vor allem ein enormes Bevölkerungsschutzproblem. Die Behörden haben entsprechende Evakuierungspläne entwickelt. Entscheidend wäre im Ernstfall, die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen und Millionen Menschen aus den gefährdeten Gebieten herauszuführen.
Erdbeben sorgen für Angst in der Bevölkerung
Das aktuelle Beben führte erneut vor Augen, wie unmittelbar die vulkanische Aktivität für die Bevölkerung spürbar ist. Berichte über deutlich schwankende Gebäude und die starken Erschütterungen sorgten in sozialen Netzwerken für zahlreiche Reaktionen. Menschen gingen teilweise auf die Straße, nachdem sie das Beben in ihren Wohnungen wahrgenommen hatten. Gerade weil die Region regelmäßig von kleineren Erdbeben erschüttert wird, ist die Bevölkerung an seismische Ereignisse grundsätzlich gewöhnt. Ein Beben dieser Stärke stellt dennoch eine außergewöhnliche Situation dar.
Warum die Phlegräischen Felder so gefährlich sind
Die Phlegräischen Felder gelten als Supervulkan-System. Dieser Begriff beschreibt die enorme Größe der vulkanischen Struktur und die Möglichkeit sehr großer Eruptionen in der geologischen Vergangenheit. Das bedeutet allerdings nicht, dass aktuell ein Superausbruch bevorsteht. Die Bezeichnung darf nicht mit einer konkreten Ausbruchswahrscheinlichkeit verwechselt werden. Zwischen der geologischen Fähigkeit eines Vulkans zu sehr großen Eruptionen und der aktuellen Gefahrenlage liegen erhebliche Unterschiede. Für den Bevölkerungsschutz entscheidend ist deshalb die laufende Überwachung.
Engmaschige Überwachung rund um die Uhr
Das Vesuv-Observatorium des INGV überwacht die Region mit einem umfangreichen Netz aus Messstationen. Registriert werden unter anderem Erdbeben, Bodenbewegungen und geochemische Veränderungen. Die Wissenschaftler können dadurch erkennen, ob sich die Aktivität lediglich innerhalb des bekannten Schwankungsbereichs bewegt oder ob mehrere Messgrößen gleichzeitig auf eine Veränderung des Systems hindeuten. Das aktuelle Beben wird deshalb nicht isoliert betrachtet. Entscheidend ist die Entwicklung der gesamten seismischen und vulkanischen Aktivität.
Für die Bevölkerung bleibt die Lage angespannt
Das Erdbeben ist damit vor allem ein deutliches Warnsignal für die besondere geologische Situation rund um Neapel. Eine unmittelbare Verbindung zwischen dem Beben und einem bevorstehenden Ausbruch lässt sich daraus nicht ableiten. Gleichzeitig zeigt der Erdstoß, dass die Phlegräischen Felder jederzeit erhebliche Erschütterungen erzeugen können. Für die Einsatzkräfte und Behörden bedeutet das, dass Warn- und Evakuierungspläne funktionsfähig bleiben müssen. Für die Bevölkerung ist es wichtig, offizielle Warnungen und Informationen der zuständigen Behörden zu beachten und nicht auf unbestätigte Meldungen in sozialen Netzwerken zu vertrauen.
Neapel erlebt erneut die Macht des Untergrunds
Das Beben der Stärke 4,7 hat die Region Neapel erneut mit einer Realität konfrontiert, die unter dem dicht besiedelten Ballungsraum verborgen liegt: Unter der Stadt und ihrer Umgebung ist der Vulkanismus weiterhin aktiv. Noch gibt es keinen Hinweis darauf, dass aus dem aktuellen Erdbeben unmittelbar ein Vulkanausbruch folgt. Die seismische Aktivität wird jedoch intensiv überwacht. Für die Menschen in der Region bleibt damit eine Situation bestehen, die Wissenschaftler seit Jahren genau beobachten: Die Erde unter den Phlegräischen Feldern ist in Bewegung – und ein einzelner stärkerer Erdstoß kann Millionen Menschen innerhalb weniger Sekunden daran erinnern.


