Im Schweizer Kanton Wallis wächst die Sorge vor einer möglichen Naturkatastrophe. Oberhalb des kleinen Alpendorfes Chippis haben Geologen einen sich ausdehnenden Erdspalt entdeckt, der einen massiven Hangrutsch auslösen könnte. Für die rund 1500 Einwohner des Dorfes im Rhonetal wäre ein solcher Erdrutsch eine ernsthafte Bedrohung – nicht nur durch die abrutschenden Gesteinsmassen, sondern auch durch die Gefahr einer plötzlich entstehenden Flutwelle.
Instabiler Berghang über dem Tal
Die größte Gefahr geht derzeit von einem Hang im nahegelegenen Val d’Anniviers aus. Dort hat sich in den vergangenen Monaten eine lange Bruchlinie im Boden gebildet, die inzwischen etwa 250 Meter misst und stellenweise bis zu einem Meter breit ist. Messungen zeigen, dass sich der Riss weiterhin langsam vergrößert – teilweise um mehrere Millimeter pro Tag.
Experten warnen, dass sich im schlimmsten Fall bis zu 500.000 Kubikmeter Erdmaterial lösen könnten. Sollte der Hang tatsächlich ins Rutschen geraten, würde die gewaltige Masse vermutlich in den Gebirgsfluss Navizence stürzen. Der Fluss fließt durch das Val d’Anniviers und mündet schließlich in die Rhône.
Ein solcher Erdrutsch könnte das Flussbett blockieren und einen natürlichen Damm bilden. Dahinter würde sich Wasser aufstauen – mit dem Risiko, dass dieser Damm plötzlich bricht. Die Folge könnte eine Flutwelle sein, die sich talwärts bewegt und auch Chippis erreicht.
Behörden überwachen den Berg rund um die Uhr
Die Behörden im Kanton Wallis beobachten die Entwicklung daher mit großer Aufmerksamkeit. Der betroffene Hang ist inzwischen mit Sensoren, Laserscannern und Kameras ausgestattet. Zusätzlich werden regelmäßig Drohnen eingesetzt, um Veränderungen aus der Luft zu dokumentieren. Parallel dazu laufen bereits Vorbereitungen für den Ernstfall. Evakuierungspläne wurden erstellt, und in umliegenden Gemeinden stehen Plätze in Zivilschutzanlagen bereit, falls Bewohner kurzfristig in Sicherheit gebracht werden müssen.
Frühere Hochwasser schwächten den Hang
Geologen gehen davon aus, dass die Instabilität des Hanges nicht zufällig entstanden ist. Eine wichtige Rolle spielen frühere Hochwasserereignisse. Besonders starke Überschwemmungen in den Jahren 2018 und 2024 haben das Flussbett der Navizence verändert und teilweise abgesenkt.
Dadurch verlor der darüberliegende Hang einen Teil seiner natürlichen Stütze. Die Folge: Das Erdreich begann sich langsam talwärts zu bewegen. Solche Prozesse sind typisch für alpine Regionen, in denen Wasser, lockeres Gestein und steile Hänge eng miteinander interagieren.
Hochwasser bleibt ein Dauerproblem
Neben möglichen Erdrutschen zählt Hochwasser zu den größten Naturgefahren rund um Chippis. Das Dorf liegt an der Stelle, an der die Navizence in die Rhône mündet – eine Lage, die bei starken Niederschlägen schnell kritisch werden kann.
Erst 2024 kam es im Wallis zu schweren Überschwemmungen. Intensive Regenfälle und rasche Schneeschmelze ließen die Flüsse stark anschwellen. Der Pegel der Rhône erreichte Werte, die statistisch nur etwa einmal pro Jahrhundert auftreten. In mehreren Orten mussten Menschen ihre Häuser verlassen, auch in Chippis wurden Bewohner vorsorglich evakuiert.
Historisch gesehen ist das Rhonetal immer wieder von Fluten betroffen gewesen. Bereits im 19. Jahrhundert kam es zu schweren Überschwemmungen, die schließlich umfangreiche Eingriffe in den Flusslauf auslösten. Zwischen 1863 und 1894 wurde die Rhône erstmals systematisch reguliert, um Hochwasser zu begrenzen.
Doch trotz dieser Maßnahmen bleibt das Risiko bestehen. Alpenflüsse transportieren große Mengen an Geröll und Sediment. Dadurch verändert sich das Flussbett ständig – ein Faktor, der langfristige Hochwasserschutzmaßnahmen erschwert.
Klimawandel verschärft die Lage
Wissenschaftler sehen zudem den Klimawandel als wichtigen Risikofaktor. In den Alpen häufen sich extreme Wetterereignisse wie Starkregen oder schnelle Schneeschmelzen. Beides kann Überschwemmungen und Erdrutsche begünstigen.
Ein weiteres Problem ist das Auftauen des Permafrosts in den Hochalpen. Dieser dauerhaft gefrorene Boden stabilisiert normalerweise Felsen und Geröll an steilen Hängen. Wenn er durch steigende Temperaturen schmilzt, verlieren viele Gebirgshänge ihre Stabilität – mit zunehmenden Felsstürzen und Hangrutschen als Folge.
Für Orte wie Chippis bedeutet das: Naturgefahren könnten künftig häufiger auftreten und schwerer vorhersehbar sein.
Katastrophen haben im Wallis Tradition
Die Region hat bereits mehrfach schwere Naturkatastrophen erlebt. Ein besonders einschneidendes Ereignis war ein starkes Erdbeben im Jahr 1946, das das gesamte Rhonetal erschütterte. Tausende Gebäude wurden beschädigt, auch in Chippis stürzten Teile einer Kirche ein.
Noch früher zeigte der Fluss Navizence seine zerstörerische Kraft: Im Jahr 1834 brach ein Gletschersee plötzlich aus und löste eine gewaltige Flut aus. Brücken, Häuser und landwirtschaftliche Flächen wurden damals zerstört. Solche Ereignisse machen deutlich, dass die Landschaft im Wallis geologisch aktiv bleibt.
Großprojekte sollen das Risiko verringern
Um die Bevölkerung besser zu schützen, investieren Bund und Kanton seit Jahren in umfangreiche Schutzmaßnahmen. Ein zentrales Projekt ist die sogenannte „Dritte Rhonekorrektion“. Dabei wird der Fluss auf rund 162 Kilometern verbreitert und umgebaut, damit er größere Wassermengen aufnehmen kann.
Auch der gefährdete Hang oberhalb von Chippis wird aktiv gesichert. Bäume wurden entfernt, um den Druck auf den Boden zu verringern, und zahlreiche Messgeräte überwachen jede Bewegung im Gestein Sollten sich die Bewegungen plötzlich beschleunigen, könnte ein Frühwarnsystem ausgelöst werden – mit einer sofortigen Evakuierung der Bevölkerung.
Leben im Schatten der Berge
Die Lage von Chippis am Eingang zum Val d’Anniviers und am Zusammenfluss zweier Flüsse hat dem Ort über Jahrhunderte wirtschaftliche Vorteile gebracht. Gleichzeitig macht sie das Dorf besonders anfällig für Naturgefahren.
Die aktuelle Situation zeigt exemplarisch, vor welchen Herausforderungen viele alpine Gemeinden stehen. Während Wissenschaftler und Behörden versuchen, Risiken mit moderner Technik zu kontrollieren, bleibt die Natur in den Bergen unberechenbar.
Für die Bewohner von Chippis bedeutet das vor allem eines: wachsam bleiben – und auf das Beste hoffen.


