Warschau. Die sicherheitspolitische Lage in Europa verschärft sich – und mit ihr die Tonlage in Warschau. Polens Präsident Karol Nawrocki hat sich offen für ein eigenes polnisches Atomprogramm ausgesprochen. In einem Interview erklärte er, sein Land müsse „den Weg zu einem eigenen Nuklearpotenzial“ prüfen – selbstverständlich unter Einhaltung internationaler Regeln. Die Aussagen fallen in eine Phase wachsender Unsicherheit über die langfristige Verlässlichkeit der USA als Schutzmacht Europas.
„Am Rand eines bewaffneten Konflikts“
Nawrocki begründete seine Position mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der generellen Bedrohung durch Moskau. Polen befinde sich „am Rande eines bewaffneten Konflikts“, sagte er. Russland verfolge eine imperiale und aggressive Politik – insbesondere gegenüber Staaten in Mittel- und Osteuropa.
Zwar nannte Nawrocki keinen konkreten Zeitplan für ein mögliches Atomprogramm. Doch seine Wortwahl deutet auf einen strategischen Richtungswechsel hin: Polen solle die Voraussetzungen schaffen, um perspektivisch in diese Richtung arbeiten zu können.
Keine Nuklearindustrie – aber große Ambitionen
Der Vorstoß ist brisant: Polen verfügt bislang über keine eigene Nuklearindustrie. Das erste zivile Atomkraftwerk befindet sich erst in der Planungsphase, der Baustart ist für 2028 vorgesehen. Der Aufbau einer militärischen nuklearen Infrastruktur würde daher enorme technische, finanzielle und diplomatische Hürden mit sich bringen.
Bisher hatten polnische Spitzenpolitiker vor allem über eine stärkere Einbindung in bestehende Abschreckungsstrukturen gesprochen. Sowohl Nawrocki als auch sein Vorgänger Andrzej Duda brachten wiederholt die Möglichkeit ins Spiel, US-Atomsprengköpfe im Rahmen der nuklearen Teilhabe der NATO in Polen zu stationieren – ähnlich wie es etwa in Deutschland praktiziert wird.
Zudem unterzeichnete Warschau im vergangenen Jahr eine Vereinbarung mit Frankreich, die eine Beteiligung an einem von Paris geführten nuklearen Schutzschirm perspektivisch ermöglichen könnte.
Zweifel an Washington
Hintergrund der neuen Debatte sind wachsende Zweifel an der langfristigen Unterstützung durch die USA. In Teilen Europas wird mit Sorge beobachtet, wie sich die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik unter wechselnden Regierungen entwickelt. Auch mögliche Turbulenzen im Verhältnis zu einer erneuten Administration von Donald Trump sorgen für Unsicherheit.
Aus dem liberalen Regierungslager in Warschau kommen bislang vorsichtige Töne. Der Europaabgeordnete Michał Szczerba betonte, sicherheitspolitische Entscheidungen dieser Tragweite müssten von der Regierung in Abstimmung mit dem Militär getroffen werden. Er setze weiterhin auf eine starke NATO und halte mögliche Spannungen mit Washington für vorübergehend.
Mehrheit der Bevölkerung dafür
Bemerkenswert ist die öffentliche Stimmung: Laut einer aktuellen Umfrage sprechen sich rund 58 Prozent der Polen für eigene Atomwaffen aus. Etwa 30 Prozent plädieren zumindest für eine gemeinsame europäische Lösung. Die Zahlen zeigen, wie stark das Sicherheitsbedürfnis in dem an Russland und Belarus angrenzenden NATO-Staat gewachsen ist.
Moskau reagiert scharf
Die Reaktion aus Russland ließ nicht lange auf sich warten. Der Senator Aleksej Puschkow von der Kreml-Partei „Einiges Russland“ warnte vor „überzogenen Ambitionen“ Polens und verwies auf historische Beispiele, in denen solche Bestrebungen dem Land geschadet hätten.
Die Debatte ist damit eröffnet – mit potenziell weitreichenden Folgen für die europäische Sicherheitsarchitektur. Sollte Polen tatsächlich den Weg zu eigenen Atomwaffen einschlagen, würde dies das strategische Gleichgewicht in Europa grundlegend verändern und die Spannungen mit Russland weiter verschärfen.


