Massive Internetstörungen in Moskau

Seit mehr als einer Woche haben viele Bewohner der russischen Hauptstadt mit erheblichen Einschränkungen beim mobilen Internet zu kämpfen. Besonders im Zentrum von Moscow berichten Bürger über instabile oder komplett ausgefallene Verbindungen. Die Folgen reichen inzwischen weit über technische Probleme hinaus: Bezahlen mit Karte funktioniert teilweise nicht mehr, Kommunikation wird schwieriger – und sogar Politiker klagen über eingeschränkte Netzverbindungen.

Die Situation hat bereits spürbare Auswirkungen auf das Alltagsleben. Manche Beobachter sprechen sogar davon, dass Teile der Metropole kommunikativ „ins 20. Jahrhundert zurückfallen“.

Verkäufe von Funkgeräten und Stadtplänen schießen in die Höhe

Ein besonders auffälliges Signal für die Lage kommt aus dem Onlinehandel. Laut Angaben des russischen E-Commerce-Unternehmens Wildberries sind die Verkaufszahlen bestimmter Produkte innerhalb weniger Tage deutlich gestiegen.

Zwischen dem 6. und 10. März wurden in Moskau im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Februar deutlich mehr Kommunikations- und Navigationsgeräte verkauft: Straßenkarten der Stadt: +170 Prozent, Walkie-Talkies: +27 Prozent, Pager für die Kommunikation in Unternehmen: +73 Prozent und Festnetztelefone: +25 Prozent. Der ungewöhnliche Nachfrageanstieg zeigt, wie stark sich viele Menschen derzeit auf alternative Kommunikationsmittel verlassen.

Probleme im Alltag: Kartenzahlung fällt teilweise aus

Vor allem im Zentrum von Moscow und in der Metro berichten Bewohner von erheblichen Internetstörungen. Einige Einwohner erklärten Medien gegenüber, dass mobile Datenverbindungen dort seit Tagen kaum funktionieren. Eine Bewohnerin aus dem Südosten der Stadt berichtete, dass die Internetverbindung in ihrem Viertel noch relativ stabil sei. Im Stadtzentrum dagegen sei sie oft komplett ausgefallen. Ohne ein Virtual Private Network (VPN) könne sie viele Dienste nicht mehr nutzen.

Andere Einwohner schildern ähnliche Probleme im Alltag. Eine Angestellte aus dem Zentrum berichtete, dass sie in der Mittagspause im Supermarkt nur noch bar bezahlen konnte, weil die Internetverbindung für Kartenterminals ausgefallen war. Viele Cafés, Restaurants und Geschäfte kämpfen offenbar mit ähnlichen Schwierigkeiten. Teilweise müssen Händler ihre Zahlungssysteme umstellen oder alternative Terminals einsetzen.

Theater warnen Besucher vor digitalen Tickets

Auch Kulturinstitutionen reagieren bereits auf die Einschränkungen. Mehrere bekannte Theater in Moskau empfehlen Besuchern inzwischen, elektronische Tickets auszudrucken oder offline auf dem Smartphone zu speichern, um Probleme beim Einlass zu vermeiden. Solche Hinweise veröffentlichten unter anderem der State Kremlin Palace, das Mossovet Theatre und das Vakhtangov Theatre. Ohne stabile Internetverbindung können QR-Codes oder Online-Tickets an den Eingängen teilweise nicht mehr zuverlässig überprüft werden.

Auch im Parlament funktionieren Netze nicht

Die Störungen betreffen offenbar sogar staatliche Institutionen. Der Abgeordnete Mikhail Delyagin berichtete, dass das WLAN-Netz der State Duma im Parlamentsgebäude zeitweise nicht funktioniere. Er betonte allerdings zugleich, dass er sich nicht beschweren wolle – ein Hinweis darauf, dass viele Politiker die Maßnahmen offenbar akzeptieren.

Kreml spricht von Sicherheitsmaßnahmen

Die russische Regierung bestätigt die Einschränkungen indirekt und begründet sie mit Sicherheitsinteressen. Kremlsprecher Dmitry Peskov erklärte, alle Maßnahmen würden „in strikter Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzen“ durchgeführt. Die Einschränkungen dienten laut Peskow dazu, die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten. Wie lange sie andauern werden, ließ er offen. Sie würden so lange gelten, wie zusätzliche Schutzmaßnahmen erforderlich seien.

Zu möglichen wirtschaftlichen Schäden für Unternehmen äußerte sich der Kremlsprecher zurückhaltend. Die zuständigen Behörden müssten Wege finden, um Verluste möglichst zu begrenzen.

Regierung plant offenbar härtere Maßnahmen gegen VPN

Parallel zu den aktuellen Einschränkungen zeichnet sich eine weitere Verschärfung der Internetkontrolle ab. Der Abgeordnete Andrei Svintsov, stellvertretender Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Informationspolitik, erklärte gegenüber russischen Medien, dass die Behörden künftig auch VPN-Verbindungen stärker einschränken oder vollständig blockieren könnten.

Innerhalb von drei bis sechs Monaten könnten Sicherheitsdienste technisch in der Lage sein, jeglichen VPN-Verkehr zu kontrollieren oder zu unterbinden, sagte er. Sollte dies umgesetzt werden, könnten viele derzeit noch erreichbare Dienste – darunter auch Messenger und gesperrte soziale Netzwerke – künftig kaum noch zugänglich sein.

Ausbau der Internetkontrolle seit Jahren

Die aktuellen Entwicklungen passen in eine längerfristige Strategie der russischen Behörden. Seit Jahren versucht die Regierung, den digitalen Informationsraum stärker zu kontrollieren. Ein wichtiger Schritt war das Gesetz über das „souveräne Internet“, das 2019 verabschiedet wurde. Es ermöglicht dem Staat, den nationalen Internetverkehr weitgehend unabhängig vom globalen Netz zu steuern.

Nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Jahr 2022 verschärfte die Regierung diese Politik weiter. Plattformen wie Facebook, Twitter und Instagram wurden blockiert oder stark eingeschränkt. Ein weiteres Gesetz aus dem Jahr 2025 sieht sogar Geldstrafen für das gezielte Aufrufen extremistischer Inhalte im Internet vor und ahndet Werbung für VPN-Dienste. Die Nutzung solcher Dienste kann außerdem als erschwerender Umstand bei Straftaten gewertet werden.

Unsicherheit über Dauer der Einschränkungen

Warum genau das mobile Internet derzeit in mehreren russischen Großstädten eingeschränkt ist, bleibt unklar. Neben Moscow sollen auch Saint Petersburg und andere Metropolen betroffen sein. Für viele Einwohner der Hauptstadt bedeutet das vorerst eine Rückkehr zu improvisierten Lösungen – von Bargeldzahlungen über gedruckte Tickets bis hin zu klassischen Funkgeräten.

Wie lange diese Situation anhält, ist derzeit völlig offen.

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