Das ehemalige Kernkraftwerk Biblis steht vor einem ungewöhnlichen Wandel. Wo jahrzehntelang Kernspaltung zur Stromerzeugung eingesetzt wurde, soll künftig an einer grundsätzlich anderen Form der Kernenergie gearbeitet werden: der Kernfusion. Die Bundesregierung hat Biblis als Standort für einen nationalen Laserfusions-Hub ausgewählt. Auf dem Gelände des stillgelegten Atomkraftwerks soll damit ein Zentrum entstehen, das Forschung, Industrie und Entwicklung rund um die Laserfusion zusammenführt. Ziel ist es, Deutschland beim internationalen Wettlauf um die kommerzielle Nutzung der Kernfusion an die Spitze zu bringen.
Damit könnte ausgerechnet der frühere Standort eines deutschen Atomkraftwerks zu einem wichtigen Schauplatz für eine neue Energie-Technologie werden.
Weltweit erstes kommerzielles Laserfusionskraftwerk geplant
Die Pläne gehen weit über ein reines Forschungszentrum hinaus. Nach Angaben des Entwicklerunternehmens Focused Energy soll in Biblis bis Mitte der 2030er-Jahre das weltweit erste kommerzielle Laserfusionskraftwerk entstehen. Der Standort befindet sich damit im Zentrum eines internationalen Wettbewerbs. Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus Europa, den USA, Kanada und China arbeiten daran, Kernfusion nicht nur im Labor zu demonstrieren, sondern daraus dauerhaft nutzbaren Strom zu gewinnen. Sollte das Vorhaben gelingen, wäre Biblis nicht mehr nur mit der Geschichte der deutschen Kernkraft verbunden, sondern könnte zu einem Symbol für den Übergang von der Kernspaltung zur Kernfusion werden.
So funktioniert die Laserfusion
Anders als bei einem klassischen Atomkraftwerk werden bei der Kernfusion Atomkerne nicht gespalten. Stattdessen werden leichte Atomkerne miteinander verschmolzen. Bei der geplanten Laserfusion kommen Wasserstoffisotope zum Einsatz. Ein winziges Brennstoffkügelchen – ein sogenanntes Target – wird mit extrem energiereichen Laserimpulsen beschossen. Unter den dabei entstehenden Bedingungen verschmelzen die Atomkerne. Bei diesem Prozess wird Energie frei. Das Prinzip ähnelt dem Vorgang, der auch in der Sonne abläuft. Ein wesentlicher Unterschied zur Kernspaltung besteht darin, dass die Fusionsreaktion nicht einfach selbstständig weiterläuft. Werden die Laserimpulse abgeschaltet, bricht der Fusionsprozess praktisch sofort zusammen.
Genau diese Eigenschaft gilt als einer der möglichen Sicherheitsvorteile der Fusion gegenüber herkömmlichen Kernspaltungsreaktoren.
Biblis wird zum deutschen Laserfusions-Hub
Das Bundesforschungsministerium will die Entwicklung der Kernfusion in Deutschland deutlich beschleunigen. Dafür wurden drei nationale Forschungszentren beziehungsweise Hubs vorgesehen. Biblis soll dabei den Schwerpunkt Laserfusion übernehmen. Weitere Standorte sollen sich mit der Magnetfusion sowie mit Brennstoffkreisläufen und neuen Materialien beschäftigen. Die Einrichtungen sollen nicht isoliert arbeiten, sondern Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Zulieferer miteinander vernetzen. Der Bund stellt für die drei Hubs zunächst 125 Millionen Euro bereit. Insgesamt sind im Bundeshaushalt mehr als zwei Milliarden Euro für die Fusionsforschung vorgesehen.
Für Biblis bedeutet die Entscheidung damit weit mehr als die Ansiedlung eines einzelnen Forschungsprojekts. Der Standort soll Bestandteil einer nationalen Strategie werden, mit der Deutschland eine eigene industrielle Fusionswirtschaft aufbauen will.
Focused Energy und Marvel Fusion beteiligt
Eine zentrale Rolle übernimmt ein Konsortium aus den Unternehmen Focused Energy aus Darmstadt und Marvel Fusion aus München. Als regionale Forschungspartner sind unter anderem die TU Darmstadt und die Gesellschaft für Schwerionenforschung GSI eingebunden. Das Land Hessen hatte die Bewerbung des Konsortiums unterstützt. Focused Energy arbeitet bereits seit Jahren an der Entwicklung der Laserfusion. Das Unternehmen ist aus der TU Darmstadt hervorgegangen und hat zuletzt erhebliche private Finanzmittel für die Weiterentwicklung seiner Technologie eingeworben. Nach eigenen Angaben will das Unternehmen in den kommenden Jahren mehrere hundert Millionen Euro investieren. Für die Region könnte die Ansiedlung deshalb auch wirtschaftlich erhebliche Bedeutung bekommen.
Milliarden für eine Technologie mit offenem Ausgang
Der politische und wirtschaftliche Ehrgeiz ist groß – die technologischen Herausforderungen bleiben allerdings enorm. Kernfusion gilt seit Jahrzehnten als eine der großen Hoffnungen der Energieforschung. Das grundlegende Prinzip funktioniert, doch ein Kraftwerk, das unter realistischen Bedingungen dauerhaft mehr nutzbare Energie produziert, als für seinen Betrieb benötigt wird, ist noch nicht Realität. Genau darin liegt die entscheidende Herausforderung.
Für die Laserfusion müssen die Brennstofftargets extrem präzise getroffen und die notwendigen Bedingungen für die Verschmelzung der Atomkerne erzeugt werden. Gleichzeitig müssen Laser, Reaktorkomponenten, Brennstoffversorgung und Wärmeabfuhr zu einem wirtschaftlich funktionierenden Gesamtsystem zusammengeführt werden. Die Bundesregierung setzt dennoch darauf, dass Deutschland bei dieser Technologie frühzeitig eine industrielle Führungsrolle übernehmen kann.
Kritiker warnen vor hohen Kosten
Umweltverbände sehen die Entwicklung wesentlich skeptischer. Greenpeace, NABU und BUND kritisieren insbesondere den hohen finanziellen Aufwand und bezweifeln, dass die Kernfusion rechtzeitig einen relevanten Beitrag zur Energiewende leisten kann. Aus Sicht der Kritiker sollten öffentliche Mittel stärker in bereits verfügbare Technologien wie Photovoltaik, Windenergie, Speicher und Netzausbau fließen. Auch die Annahme, Kernfusion sei vollständig frei von radioaktiven Hinterlassenschaften, wird zurückgewiesen. Zwar entstehen bei der Fusion nach heutiger Einschätzung deutlich weniger langlebige radioaktive Abfälle als bei der Kernspaltung. Dennoch werden Reaktormaterialien durch die bei der Fusion entstehenden Neutronen aktiviert.
Die Debatte wird deshalb nicht allein um die technische Machbarkeit geführt. Es geht ebenso um die Frage, ob die Technologie schnell genug und zu vertretbaren Kosten zur Verfügung stehen kann.
100 Millionen Grad als technische Herausforderung
Die Bedingungen in einer Fusionsanlage sind extrem. Für die Verschmelzung der Atomkerne müssen Temperaturen von bis zu etwa 100 Millionen Grad erreicht werden. Das stellt höchste Anforderungen an die gesamte Anlagentechnik. Hinzu kommt die Frage, wie die dabei entstehende Energie wirtschaftlich in elektrischen Strom umgewandelt werden kann. Bislang ist genau dieser Schritt die entscheidende Hürde. Die experimentellen Fortschritte der vergangenen Jahre haben zwar gezeigt, dass sich Fusionsreaktionen kontrolliert erzeugen lassen. Ein kommerzielles Kraftwerk, das zuverlässig und wirtschaftlich Strom ins Netz liefert, existiert jedoch noch nicht.
Ein ehemaliges AKW bekommt eine neue Bedeutung
Für Biblis ist das Projekt besonders bemerkenswert. Das Kernkraftwerk wurde nach seiner Stilllegung schrittweise zurückgebaut. Die letzten Kühltürme sind inzwischen verschwunden. RWE setzt den Rückbau der Anlage fort. Gleichzeitig zeichnet sich für Teile des ehemaligen Kraftwerksgeländes eine neue Nutzung ab. Statt das Areal vollständig zurückzubauen und anschließend neu zu entwickeln, sollen vorhandene Strukturen und die Lage des Standorts für neue Technologien genutzt werden.
Bereits zuvor war über verschiedene Möglichkeiten für die Nachnutzung des Geländes diskutiert worden. Die Fusionspläne könnten nun eine völlig neue Perspektive eröffnen.
Deutschland setzt auf einen historischen Technologiewechsel
Die Symbolik des Projekts ist kaum zu übersehen: Auf einem Gelände, das einst für die klassische Kernspaltung stand, soll nun die nächste Generation der Kernenergietechnik entwickelt werden. Dabei handelt es sich allerdings ausdrücklich nicht um eine Rückkehr zur Kernkraft im Sinne einer Wiederinbetriebnahme der früheren Reaktoren. Die alten Reaktoren bleiben abgeschaltet und werden zurückgebaut. Stattdessen soll mit der Kernfusion eine neue Technologie erforscht und langfristig kommerzialisiert werden. Der Unterschied ist technisch fundamental – politisch dürfte die Entscheidung dennoch für Diskussionen sorgen.
Biblis könnte zum europäischen Fusionsstandort werden
Sollten die Pläne umgesetzt werden, könnte Biblis in den kommenden Jahren eine deutlich größere Bedeutung bekommen. Forschungseinrichtungen, Start-ups, Industrieunternehmen und Zulieferer könnten sich rund um den Standort ansiedeln. Für Hessen wäre dies eine Chance, sich als Zentrum einer neuen Hochtechnologiebranche zu positionieren. Für Deutschland wiederum geht es um die Frage, ob aus jahrzehntelanger Grundlagenforschung tatsächlich eine wirtschaftlich nutzbare Energiequelle entstehen kann.
Der Zeitplan ist ambitioniert: Bis Mitte der 2030er-Jahre soll in Biblis ein kommerzielles Laserfusionskraftwerk entstehen. Ob dieses Ziel erreicht werden kann, hängt allerdings von technologischen Durchbrüchen, Investitionen, Genehmigungen und der wirtschaftlichen Entwicklung der Fusionsbranche ab.
Vom Symbol des Atomausstiegs zum Symbol der Energiezukunft?
Biblis könnte damit eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen. Der Standort stand einst für den Ausbau der deutschen Atomkraft, später für den Atomausstieg und den Rückbau der Kernenergie. Nun könnte dort eine Technologie entstehen, die erneut auf Kernenergie basiert – allerdings nicht auf Kernspaltung, sondern auf Kernfusion. Ob Biblis tatsächlich zum Standort des weltweit ersten kommerziellen Laserfusionskraftwerks wird, ist noch offen. Sicher ist jedoch bereits jetzt: Das ehemalige Atomkraftwerksgelände soll nicht einfach zu einer Industriebrache werden. Es könnte stattdessen zu einem wichtigen deutschen Schauplatz für eine Technologie werden, die langfristig die Energieversorgung verändern könnte.


