Göttingen baut Sirenennetz aus

Die Stadt Göttingen modernisiert ihren Bevölkerungsschutz und baut ihr Sirenennetz deutlich aus. Insgesamt elf neue elektronische Sirenen wurden installiert. Zwei der Anlagen gehen dabei einen Schritt weiter: Sie können vollständig unabhängig vom öffentlichen Stromnetz betrieben werden. Damit reagiert Göttingen auf eine zentrale Schwachstelle moderner Warnsysteme. Bei großflächigen Stromausfällen könnten Kommunikations- und Infrastruktursysteme ausfallen – ausgerechnet dann, wenn die Bevölkerung besonders dringend gewarnt werden muss. Die neuen Sirenen sollen deshalb nicht nur bei klassischen Katastrophenlagen zum Einsatz kommen, sondern auch bei Überschwemmungen, Gefahrstoffaustritten oder notwendigen Evakuierungen.

Solarstrom und Akkus sichern den Betrieb

Zwei der neuen Anlagen wurden als Pilotprojekte mit Solarbetrieb konzipiert. Sie verfügen über eigene Solarpaneele und Batteriespeicher. Selbst wenn die externe Stromversorgung ausfällt, sollen sie innerhalb von 48 Stunden mindestens 20 Alarmierungen beziehungsweise Sprachdurchsagen absetzen können. Die Technik geht damit über eine reine Notstromlösung hinaus. Die Anlagen sind so ausgelegt, dass sie ihre Energie im Normalbetrieb selbst erzeugen und speichern können. Eine der beiden Anlagen steht im Bereich „Auf dem Hagen“. Sie befindet sich auf einem eigenen Mast und wird vorrangig über Solarenergie versorgt. Als zusätzliche Reserve kann die Straßenbeleuchtung zur Stromversorgung herangezogen werden. Die zweite vollständig autarke Sirene wurde am Gartetalbahnhof nahe der Göttinger Innenstadt auf einem Dreibeinstativ installiert. Durch die beiden Solarpaneele war dort keine Befestigung an einem bestehenden Gebäude erforderlich.

Sirenen sollen auch bei Blackout funktionieren

Der Ausbau hat einen konkreten Hintergrund: Ein Warnsystem muss gerade dann zuverlässig funktionieren, wenn die normale Infrastruktur an ihre Grenzen kommt. Ein großflächiger Stromausfall kann nicht nur Haushalte und Unternehmen treffen. Auch Kommunikationsnetze, Verkehrssteuerungen und andere technische Systeme können beeinträchtigt werden. Für den Katastrophenschutz entsteht dadurch ein Problem: Wie erreicht man Menschen, wenn digitale Kommunikationswege nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar sind? Sirenen besitzen hier einen entscheidenden Vorteil. Sie funktionieren unabhängig davon, ob Bürgerinnen und Bürger ein Smartphone besitzen, eine Warn-App installiert haben oder gerade Zugang zum Internet haben. Die neuen Göttinger Anlagen sollen deshalb eine zusätzliche analoge beziehungsweise akustische Warnmöglichkeit schaffen – und diese durch moderne Technik zugleich deutlich leistungsfähiger machen.

Warnanlagen können sprechen

Die neuen elektronischen Sirenen beschränken sich nicht auf den bekannten Heulton. Über die Anlagen sind auch gezielte Sprachdurchsagen möglich. Das erweitert die Einsatzmöglichkeiten erheblich. Bei einem Gefahrstoffaustritt könnte die Bevölkerung beispielsweise aufgefordert werden, Fenster und Türen geschlossen zu halten. Bei einer Überschwemmung könnten bestimmte Bereiche zur Evakuierung aufgefordert werden. Auch bei Evakuierungen nach einem Kampfmittelfund können die Sirenen eingesetzt werden. Die Warnung soll dabei nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch möglich sein.

Leitstelle kann Zustand der Sirenen überwachen

Ein weiterer Vorteil der neuen Technik liegt in der Fernüberwachung. Die Anlagen können ihren Betriebszustand an die zuständige Leitstelle melden. Dazu gehört unter anderem die Information über den Ladezustand der Akkus. Dadurch können mögliche technische Probleme oder eine nachlassende Energiereserve frühzeitig erkannt werden. Gerade bei einem Warnsystem ist diese Funktion von Bedeutung. Eine Sirene, die erst im Katastrophenfall als funktionsuntüchtig erkannt wird, wäre praktisch wertlos. Die kontinuierliche Zustandsüberwachung soll deshalb die Betriebssicherheit erhöhen.

Göttingen sieht sich als Vorreiter in Niedersachsen

Mit dem Ausbau nimmt Göttingen nach Angaben der Stadt eine besondere Stellung beim modernen Bevölkerungsschutz ein. Insbesondere die Kombination aus elektronischer Sirenentechnik, Solarversorgung, Batteriespeichern und Fernüberwachung soll Erkenntnisse liefern, die auch für andere Kommunen interessant sein könnten. Die beiden solarbetriebenen Anlagen haben deshalb ausdrücklich den Charakter von Pilotprojekten. Die Stadt will Erfahrungen sammeln, wie sich autarke Warntechnik unter realen Bedingungen betreiben lässt. Für andere Kommunen könnte das Modell insbesondere dort interessant sein, wo Sirenen auch bei längeren Stromausfällen zuverlässig funktionieren müssen.

Sirenen sind nur ein Teil des Warnsystems

Trotz des Ausbaus setzt Göttingen nicht ausschließlich auf Sirenen. Feuerwehrchef Frank Dittrich betont, dass die Anlagen nur einen Bestandteil des sogenannten Warnmittelmixes bilden. Über das Modulare Warnsystem (MoWaS) können Warnungen parallel über verschiedene Kanäle verbreitet werden. Dazu gehören Warn-Apps, Cell Broadcast, Rundfunk und offizielle Internetportale. Die Strategie setzt damit bewusst auf mehrere voneinander unabhängige Warnwege. Fällt ein Kommunikationskanal aus, sollen andere Möglichkeiten weiterhin zur Verfügung stehen.

Regelmäßige Sirenenproben in Göttingen

Die neuen Sirenen werden regelmäßig getestet. In Göttingen ertönen die Anlagen grundsätzlich am ersten Samstag eines Monats um 12 Uhr. Ein weiterer wichtiger Termin ist der bundesweite Warntag am 10. September 2026. Dann sollen die Sirenen ab 11 Uhr ausgelöst werden. Vorgesehen ist zunächst ein einminütiger auf- und abschwellender Heulton. Gegen 11.45 Uhr soll die Entwarnung folgen. Solche Probealarme erfüllen dabei einen doppelten Zweck: Die technische Funktionsfähigkeit der Anlagen wird überprüft und gleichzeitig wird die Bevölkerung mit den unterschiedlichen Warnsignalen vertraut gemacht.

Bevölkerung soll Warn-Apps nutzen

Trotz des umfangreichen Sirenenausbaus appelliert die Göttinger Berufsfeuerwehr an die Bevölkerung, zusätzliche Warnmöglichkeiten zu nutzen. Denn ein Sirenenton vermittelt zunächst nur die Information, dass eine Gefahr besteht. Konkrete Handlungsempfehlungen können anschließend über andere Warnkanäle übermittelt werden. Warn-Apps und Cell Broadcast können beispielsweise detaillierte Informationen zur Gefahrenlage, zum betroffenen Gebiet und zu empfohlenen Verhaltensweisen liefern.

Bevölkerungsschutz gewinnt an Bedeutung

Der Ausbau des Göttinger Sirenennetzes steht stellvertretend für eine Entwicklung, die derzeit zahlreiche deutsche Kommunen beschäftigt. Nach Jahren, in denen Sirenen vielerorts kaum noch eine zentrale Rolle spielten, gewinnt die akustische Warnung der Bevölkerung wieder an Bedeutung. Naturkatastrophen, Hochwasser, schwere Unwetter, großflächige Stromausfälle, Gefahrstoffunfälle oder andere außergewöhnliche Ereignisse können dazu führen, dass eine schnelle Warnung innerhalb weniger Minuten erforderlich wird. Dabei zeigt sich ein grundlegendes Prinzip moderner Krisenvorsorge: Je mehr unterschiedliche Warnwege zur Verfügung stehen, desto robuster ist das Gesamtsystem.

Zwei Sirenen setzen ein Zeichen für den Krisenfall

Mit elf neuen Anlagen und zwei vollständig beziehungsweise weitgehend autarken Pilotstandorten baut Göttingen sein Warnsystem gezielt aus. Besonders die solarbetriebene Technik könnte bei länger andauernden Stromausfällen einen entscheidenden Vorteil bieten. Die neuen Sirenen sollen nicht nur laut sein, sondern Informationen übermitteln, ihren eigenen technischen Zustand überwachen und auch dann funktionieren, wenn Teile der normalen Infrastruktur ausfallen. Damit wird aus dem klassischen Sirenenalarm ein modernes Element des Bevölkerungsschutzes. Göttingen will mit dem Ausbau zugleich Erfahrungen sammeln, die über die Stadtgrenzen hinaus Bedeutung bekommen könnten.

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