Ein rätselhafter Kurzwellensender beschäftigt derzeit Amateurfunker und Sicherheitsexperten in Europa. Seit Ende Februar wird auf einer Kurzwellenfrequenz regelmäßig eine Männerstimme gehört, die auf Persisch scheinbar endlose Zahlenreihen vorliest. Die ungewöhnlichen Funksignale könnten nach Einschätzung von Geheimdienstexperten Teil einer verdeckten Kommunikation mit Agenten sein.
Persische Zahlen über Kurzwelle
Die mysteriösen Sendungen wurden erstmals am 28. Februar entdeckt – kurz nachdem Israel und die Vereinigte Staaten militärische Angriffe auf den Iran begonnen hatten. Amateurfunker registrierten das Signal zunächst auf der Frequenz von 7910 Kilohertz. Zu Beginn der Übertragung sagt eine männliche Stimme mehrfach das Wort „tavajjoh“, was auf Persisch „Achtung“ bedeutet. Anschließend folgt eine lange Abfolge von Zahlen – vorgelesen in der Amtssprache des Iran.
Die Sendung wird seitdem zweimal täglich ausgestrahlt: morgens um 5.30 Uhr und abends um 21.30 Uhr iranischer Zeit. Beobachter gehen davon aus, dass die spätere Ausstrahlung lediglich eine Wiederholung der ersten Sendung ist.
Hinweise auf geheime Agentenkommunikation
Wie die britische Wirtschaftszeitung Financial Times berichtet, halten ehemalige Geheimdienstmitarbeiter eine mögliche Nutzung als Notfall-Kommunikationskanal für plausibel. Der frühere CIA-Stationschef in Moskau, John Sipher, vermutet, dass es sich um eine Ersatzkommunikation für westliche Informanten im Iran handeln könnte. Kurzwellenfunk hat den Vorteil, dass die Signale über große Entfernungen übertragen werden können.
Dabei werden Funkwellen an hohen Atmosphärenschichten reflektiert und können so Tausende Kilometer weit reisen. Selbst wenn Internetverbindungen oder Mobilfunknetze abgeschaltet werden, bleiben solche Signale empfangbar. In Krisenzeiten könnte diese Technik genutzt werden, um den Kontakt zu geheimen Quellen aufrechtzuerhalten.
Zahlensender mit langer Geschichte
Das Konzept sogenannter Zahlensender ist keineswegs neu. Bereits während des Kalter Krieg nutzten Geheimdienste auf beiden Seiten öffentlich zugängliche Frequenzen, um verschlüsselte Botschaften an Agenten zu übermitteln. Dabei werden scheinbar zufällige Zahlenfolgen ausgestrahlt, die nur mit einem passenden Codebuch entschlüsselt werden können. Für Außenstehende wirken die Botschaften bedeutungslos, während Eingeweihte daraus konkrete Anweisungen lesen können – etwa Treffpunkte, Aufträge oder Warnungen.
Auch heute sollen mehrere Staaten weiterhin solche Kommunikationsmethoden nutzen, darunter Russland, Polen, Taiwan und Nordkorea. Selbst ein russisches Spionagenetzwerk, das 2010 in den USA enttarnt wurde, soll über Kurzwellenfunk Anweisungen erhalten haben.
Sender vermutlich in Westeuropa
Inzwischen versuchen Funk-Enthusiasten des Projekts Priyom, den Ursprung der geheimnisvollen Sendungen zu ermitteln. Mithilfe von Signalvergleichen und Laufzeitmessungen konnten sie den möglichen Standort zumindest grob eingrenzen. Demnach könnte der Sender irgendwo in Westeuropa stehen – etwa in Italien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Belgien oder den Niederlande.
Frequenzwechsel nach Störversuchen
Kurz nach der Entdeckung der Übertragung kam es offenbar zu Störversuchen auf der ursprünglichen Frequenz von 7910 Kilohertz. Solche Störsignale werden eingesetzt, um unerwünschte Funkübertragungen zu blockieren – eine Praxis, die ebenfalls aus Zeiten des Kalten Krieges bekannt ist. Der Sender reagierte schnell und wechselte auf eine neue Frequenz: Seitdem wird die Zahlenreihe auf 7842 Kilohertz ausgestrahlt.
Ob es sich tatsächlich um eine geheime Nachricht für Agenten handelt oder lediglich um eine gezielte Desinformationsaktion zur Verwirrung iranischer Sicherheitsdienste, bleibt bislang unklar. Fest steht nur: Der mysteriöse Zahlensender sorgt derzeit weltweit für Spekulationen unter Funkern und Geheimdienstexperten.


