Paris. Frankreich setzt energiepolitisch klar auf Atomkraft – und bremst zugleich den Ausbau erneuerbarer Energien. Bei der Vorstellung der neuen nationalen Energiestrategie kündigte Premierminister Sébastien Lecornu an, die Produktion von Kernenergie bis 2030 weiter zu steigern. Fossile Energieträger sollen im gleichen Zeitraum von 58 Prozent (2023) auf 40 Prozent sinken.
Sechs neue Reaktoren – Option auf acht weitere
Kern des Plans ist der Bau von sechs neuen Atomreaktoren. Sie sollen an bestehenden Standorten entstehen, der erste Block ist im nordfranzösischen Penly am Ärmelkanal geplant und soll 2038 ans Netz gehen. Darüber hinaus hält sich die Regierung die Option offen, acht weitere Reaktoren zu errichten.
Damit setzt Paris die Linie von Präsident Emmanuel Macron fort, der bereits 2022 einen massiven Ausbau der Kernenergie angekündigt hatte. Atomstrom deckt derzeit rund zwei Drittel des französischen Strombedarfs. Frankreich gilt nach den USA und China als drittgrößter Atomstromproduzent weltweit und exportiert Elektrizität unter anderem nach Deutschland.
Laufzeiten bis zu 60 Jahre
Parallel plant die Regierung, sämtliche 57 bestehenden Reaktoren möglichst lange am Netz zu halten. Laufzeitverlängerungen auf 50 oder sogar 60 Jahre sind vorgesehen. Anders als im vorherigen Energieplan sollen keine älteren Anlagen mehr vom Netz gehen. Noch im Planungszeitraum 2019 bis 2024 war die Schließung von 14 Reaktoren vorgesehen gewesen – davon ist nun keine Rede mehr.
Kostenexplosion bei Neubauten
Die ambitionierten Ausbaupläne haben jedoch ihren Preis. Der staatliche Energiekonzern Électricité de France (EDF) beziffert die Kosten für die sechs neuen Reaktoren inzwischen auf knapp 73 Milliarden Euro – rund 40 Prozent mehr als ursprünglich kalkuliert. Bis Ende März wollen Staat und Konzern einen gemeinsamen Finanzierungsplan vorlegen. Die endgültige Investitionsentscheidung wird für Ende 2026 erwartet, vorausgesetzt die EU-Kommission erteilt grünes Licht.
Erneuerbare nur zweite Säule
Während die Kernenergie massiv gestärkt wird, drosselt die Regierung den Ausbau erneuerbarer Energien. An Land sollen Windkraftanlagen bis 2030 nur noch 31 statt 33 Gigawatt Leistung erreichen. Offshore-Ziele bleiben hingegen unverändert. Konservative und rechte Kräfte hatten zuletzt wiederholt einen stärkeren Fokus auf Kernkraft gefordert und Investitionen in Wind- und Solarenergie kritisiert. Im Sommer hatte die Nationalversammlung sogar vorübergehend einen Baustopp für neue Wind- und Solaranlagen beschlossen – dieser wurde später wieder aufgehoben.
Politischer Kurswechsel mit Signalwirkung
Die neue Strategie markiert einen deutlichen Kurswechsel: Weg von einer schrittweisen Reduzierung der Atomkraft, hin zu einem klaren Ausbauprogramm. Frankreich positioniert sich damit als europäischer Gegenentwurf zu Ländern, die auf einen schnellen Atomausstieg setzen.
Die Entscheidung dürfte die energiepolitische Debatte in Europa weiter verschärfen – insbesondere angesichts steigender Baukosten, langer Realisierungszeiträume und offener Fragen zur Finanzierung


