Die Europäische Union will ihre Abhängigkeit von russischem Erdgas endgültig beenden. Doch ausgerechnet in der Übergangsphase nimmt der Import von russischem Flüssigerdgas wieder deutlich zu. Im Juni 2026 bezogen die EU-Staaten rund 14 Prozent mehr russisches LNG als im gleichen Monat des Vorjahres. Damit entwickelt sich der europäische Gasmarkt zunehmend zu einem politischen Widerspruch: Während Brüssel den vollständigen Ausstieg aus russischen Gaslieferungen vorbereitet, fließt weiterhin erhebliche Geld in die russische Energiebranche. Die Einnahmen Moskaus aus dem LNG-Geschäft mit Europa sollen zuletzt rund 60 Millionen Euro pro Tag erreicht haben.
Frankreich steht an der Spitze
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Frankreich. Das Land ist inzwischen der wichtigste Abnehmer von russischem Flüssiggas innerhalb der EU. Im französischen Hafen Montoir in der Bretagne vervierfachte sich die Menge der dort im Juni angelandeten russischen LNG-Ladungen gegenüber dem Vormonat. Das macht Frankreich zum zentralen Umschlagplatz für einen Rohstoff, von dem sich die Europäische Union eigentlich schrittweise verabschieden will. Der Anstieg ist dabei nicht allein mit einer wachsenden europäischen Nachfrage zu erklären. Eine wichtige Rolle spielt auch die angespannte Situation auf dem internationalen Gasmarkt.
Iran-Krise verändert den Gasmarkt
Die geopolitische Lage im Nahen Osten hat die europäischen Energiemärkte zusätzlich unter Druck gesetzt. Wegen der Krise rund um den Iran ist der LNG-Transport durch die Straße von Hormus erheblich eingeschränkt. Besonders problematisch ist das für Katar. Das Land gehört zu den wichtigsten Flüssiggasexporteuren der Welt und nutzt die strategische Meerenge für einen erheblichen Teil seiner Lieferungen. Fallen diese Mengen aus oder erreichen Europa nur eingeschränkt, müssen europäische Energieunternehmen kurzfristig nach Ersatz suchen. Russisches LNG gewinnt dadurch erneut an Bedeutung.
Russland bleibt wichtiger als politisch gewollt
Nach Berechnungen des Brüsseler Thinktanks Bruegel lag der Anteil russischen Erdgases an den gesamten Gasimporten der EU im zweiten Quartal bei 13,4 Prozent. Damit hat sich der russische Anteil trotz der seit 2022 verfolgten Diversifizierungsstrategie nicht vollständig aus dem europäischen Energiesystem verabschiedet. Die Abhängigkeit ist zwar massiv gesunken, verschwunden ist sie jedoch nicht. Zum Vergleich: Vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 stammte nahezu die Hälfte der europäischen Gasimporte aus Russland.
Rekordmengen aus dem arktischen Jamal-Terminal
Das russische LNG für Europa kommt inzwischen fast vollständig vom Jamal-Terminal in der russischen Arktis. Die Anlage gehört zu den bedeutendsten LNG-Projekten Russlands. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2026 erreichten nach den ausgewerteten Daten 136 LNG-Ladungen mit insgesamt rund 9,97 Millionen Tonnen die europäischen Märkte. Damit wurde bereits zur Jahresmitte eine Rekordmenge erreicht. Die Entwicklung zeigt, wie stark sich der europäische Gasbezug verändert hat: Pipeline-Lieferungen aus Russland sind weitgehend zusammengebrochen, während Flüssiggas weiterhin per Tanker nach Europa gelangt.
USA und Norwegen ersetzen Russland
Gleichzeitig ist die EU bei der Diversifizierung ihrer Energieversorgung durchaus vorangekommen. Vor allem Norwegen und die USA haben ihre Bedeutung für den europäischen Gasmarkt erheblich ausgebaut. Nach Bruegel-Angaben liefern beide Länder zusammen inzwischen rund 60 Prozent des europäischen Erdgases. Algerien und Russland folgen dahinter mit vergleichbaren Anteilen. Insbesondere US-amerikanisches LNG hat seit Beginn des Ukraine-Krieges an Bedeutung gewonnen. Damit ist Europa heute deutlich breiter aufgestellt als vor 2022. Das Problem: Die vollständige Abkehr von russischem Gas ist dadurch noch nicht vollzogen.
EU will russisches LNG verbieten
Brüssel hält dennoch an seinem langfristigen Ziel fest. Die EU hat einen schrittweisen Ausstieg aus russischem Gas beschlossen. Sowohl Flüssiggas als auch Pipeline-Gas sollen künftig vollständig aus dem europäischen Energiemix verschwinden. Nach Angaben des Europäischen Rates gelten für bestehende Verträge Übergangsregelungen. Der vollständige Stopp aller russischen Gasimporte soll spätestens bis Ende 2027 erreicht werden. Die aktuell steigenden LNG-Importe sind deshalb vor allem als Übergangsphänomen zu betrachten – allerdings eines mit erheblicher politischer Brisanz.
Millionen für Moskaus Energiegeschäft
Für Russland ist der europäische LNG-Markt trotz der politischen Sanktionen weiterhin wirtschaftlich interessant. Die von der EU gezahlten Summen fließen letztlich in die russische Energiewirtschaft und damit in ein Land, gegen das die Europäische Union wegen des Angriffskrieges gegen die Ukraine umfangreiche Sanktionen verhängt hat. Nach den ausgewerteten Daten sollen Russlands LNG-Einnahmen aus dem europäischen Geschäft zuletzt bei etwa 60 Millionen Euro täglich gelegen haben. Damit entsteht ein politisch heikler Effekt: Europa versucht, Russland wirtschaftlich unter Druck zu setzen, bleibt bei einem wichtigen Energieträger aber noch auf russische Lieferungen angewiesen.
Der europäische Energiemarkt steckt in einem Balanceakt
Die Entwicklung macht zugleich deutlich, wie schwierig eine vollständige Entkopplung von russischen Energierohstoffen ist. Energieversorgung lässt sich nicht kurzfristig ausschließlich nach politischen Prioritäten organisieren. Gas muss verfügbar, transportierbar und bezahlbar sein. Fallen große Lieferanten wie Katar zeitweise aus, steigt der Druck auf die europäischen Einkäufer. LNG-Ladungen werden dann dorthin gelenkt, wo die höchsten Preise gezahlt werden. Russland kann von dieser Situation profitieren, obwohl die EU seine Rolle auf dem Energiemarkt langfristig beenden will.
Deutschlands Situation ist eine andere
Für Deutschland ist die Entwicklung dennoch nicht gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu russischem Pipeline-Gas. Deutschland bezieht seit dem Ende der direkten russischen Pipeline-Lieferungen kein russisches Erdgas mehr in den früheren Dimensionen. Der europäische LNG-Markt ist allerdings miteinander verbunden. Gas, das in Frankreich, Belgien oder anderen EU-Staaten angelandet wird, kann über das europäische Netz weiter verteilt werden. Deshalb ist die Frage nach russischem LNG nicht nur für die unmittelbaren Importländer relevant.
Der Ausstieg wird zum Kraftakt
Die EU steht damit vor einem schwierigen Spagat. Einerseits soll Russland als Energiepartner endgültig ersetzt werden. Andererseits muss Europa gleichzeitig Versorgungssicherheit, bezahlbare Energie und ausreichend gefüllte Speicher gewährleisten. Die aktuellen Rekordimporte aus Russland zeigen, dass dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Die politischen Ziele sind klar: Spätestens 2027 soll russisches Gas aus dem europäischen Energiemarkt verschwunden sein. Bis dahin dürfte jedoch weiterhin die Frage im Mittelpunkt stehen, wie schnell Europa auf russische LNG-Mengen verzichten kann, ohne neue Versorgungsengpässe und zusätzliche Preisschocks zu riskieren.
Russisches Gas bleibt vorerst ein Widerspruch
Die europäischen LNG-Importe aus Russland führen damit einen grundlegenden Widerspruch der europäischen Energiepolitik vor Augen. Während die EU ihre Abhängigkeit von Moskau strategisch beenden will, nimmt der Bezug in einer angespannten Marktsituation kurzfristig sogar wieder zu. Frankreich wird dabei zum wichtigsten Abnehmer. Gleichzeitig liefern Norwegen und die USA inzwischen einen Großteil des europäischen Gases. Der langfristige Trend ist somit eindeutig: Europa diversifiziert seine Energieversorgung. Der Weg dorthin ist jedoch komplizierter als ursprünglich erwartet – und Russland verdient bis zum endgültigen Ausstieg weiterhin am europäischen Gasbedarf.


