EU erklärt Cybermobbing zur „Pandemie“

Brüssel. Hass, Hetze und Demütigungen im Netz treffen in Europa vor allem die Jüngsten – und längst in alarmierendem Ausmaß. Die EU-Kommission spricht inzwischen offen von einer „Pandemie“: Rund jedes sechste Kind zwischen elf und 15 Jahren in der Europäischen Union gibt an, bereits Opfer von Cybermobbing gewesen zu sein. Zum Safer Internet Day hat Brüssel nun einen Aktionsplan vorgestellt, mit dem Kinder und Jugendliche besser geschützt werden sollen. Zentrales Element: eine europaweite Melde-App.

EU-weite App gegen digitale Gewalt

Über die geplante App sollen Betroffene künftig Cybermobbing unkompliziert melden, Beweise wie Screenshots oder Chatverläufe sicher speichern und zugleich Zugang zu Hilfsangeboten erhalten können. Entwickelt wird die Anwendung von der EU-Kommission selbst, die Mitgliedstaaten sollen sie anschließend an ihre nationalen Strukturen anpassen, übersetzen und mit Beratungsstellen verknüpfen. Perspektivisch soll die App auch direkt auf großen Online-Plattformen verfügbar sein.

„Es muss einfacher sein, Cybermobbing zu melden, als Menschen online zu mobben“, sagte EU-Kommissar Glenn Micallef, zuständig für Kinder- und Jugendpolitik. Als Vorbild dient eine bereits existierende App aus Frankreich.

Mädchen und Minderheiten besonders betroffen

Die Zahlen, auf die sich die Kommission stützt, sind besorgniserregend. Besonders häufig betroffen sind Mädchen und junge Frauen, Kinder aus einkommensschwachen Familien sowie Angehörige von Minderheiten. Die Folgen reichen laut EU-Studien von Leistungsabfall in der Schule über Angststörungen und Depressionen bis hin zu sozialer Isolation. In schweren Fällen kann Cybermobbing lebensbedrohliche Konsequenzen haben.

„Cybermobbing zu bekämpfen bedeutet, Leben zu retten“, so Micallef. Digitalkommissarin Henna Virkkunen wies zudem darauf hin, dass das Problem in einigen EU-Ländern bislang noch immer unterschätzt oder gar nicht als eigenständige Bedrohung anerkannt werde.

Tragischer Auslöser für strengere Gesetze

Anstoß für die aktuellen Maßnahmen war ein besonders tragischer Fall in Irland: Der Suizid einer 21-jährigen Frau nach jahrelangem Cybermobbing. In Irland führte der Fall zu einer deutlichen Verschärfung der Gesetze – dort können entsprechende Taten inzwischen mit bis zu sieben Jahren Haft bestraft werden. Irische EU-Abgeordnete trieben daraufhin auch die Debatte in Brüssel voran.

KI verschärft das Problem

Besondere Sorge bereitet der Kommission die wachsende Rolle Künstlicher Intelligenz. KI ermögliche neue Formen digitaler Gewalt, etwa sexualisierte Deepfakes, bei denen täuschend echte Bilder oder Videos – häufig von Mädchen und jungen Frauen – erstellt und verbreitet werden. Das europäische KI-Gesetz soll im dritten Quartal 2026 gezielt gegen solche Praktiken verschärft werden.

Auch bestehende Regelwerke wie der Digital Services Act sollen nachgeschärft werden, um Plattformen stärker in die Pflicht zu nehmen und schädliche Inhalte schneller zu entfernen – insbesondere, wenn Minderjährige betroffen sind.

Prävention, Altersprüfung und Social-Media-Debatte

Neben Repression setzt die EU auf Prävention. Geplant sind überarbeitete Leitlinien für digitale Bildung sowie zusätzliche Schulungs- und Informationsangebote für Schulen. Langfristig arbeitet die Kommission zudem an einer europaweiten Altersprüfung für soziale Netzwerke. Eine entsprechende App wird derzeit in fünf Mitgliedstaaten getestet, Empfehlungen sollen im Sommer folgen.

Auch ein mögliches Social-Media-Verbot bis zu einem bestimmten Alter wird auf EU-Ebene diskutiert. Konkrete Entscheidungen gibt es dazu noch nicht – doch klar ist: Der politische Druck wächst, Kinder und Jugendliche im digitalen Raum besser zu schützen.

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