Drohnensichtung über „Arrow 3“-Standort

Nur wenige Tage vor der offiziellen Inbetriebnahme eines der sensibelsten Waffensysteme der Bundeswehr ist es am neuen „Arrow-3“-Standort in Sachsen-Anhalt zu einem schwerwiegenden Sicherheitsvorfall gekommen. Über der Radaranlage in der Annaburger Heide kreisten offenbar mehrere unbekannte Drohnen – und entzogen sich trotz Abwehrversuchs der Kontrolle durch die Bundeswehr. Interne Bewertungen sprechen von gezielter Ausspähung.

Die Annaburger Heide, im Grenzgebiet von Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen gelegen, soll künftig eine Schlüsselrolle beim Schutz des deutschen Luftraums spielen. Von hier aus wird das Raketenabwehrsystem „Arrow 3“ betrieben, mit dem anfliegende Raketen bereits in großer Höhe – im Extremfall sogar außerhalb der Erdatmosphäre – zerstört werden sollen. Das System, das außer Deutschland nur Israel und die USA besitzen, gilt als zentraler Baustein der europäischen Luftverteidigung gegen Bedrohungen wie russische Interkontinentalraketen. Bis 2030 soll „Arrow 3“ mit weiteren Standorten in Schleswig-Holstein und Bayern vollständig einsatzbereit sein.

Doch bereits vor dem offiziellen Start geriet der Standort ins Visier unbekannter Akteure. Nach Recherchen von WDR und NDR wurden am 1. Dezember gegen 16.40 Uhr drei Drohnen eines „unbekannten Typs“ in etwa 100 Metern Höhe über der Radarstellung entdeckt – nur zwei Tage vor der feierlichen Einweihung mit Verteidigungsminister Boris Pistorius und Luftwaffeninspekteur Holger Neumann.

Ein interner, eingestufter Bundeswehrbericht, der den Sendern vorliegt, beschreibt einen ernsten Ablauf: Zunächst schlugen technische Detektionssysteme Alarm. Daraufhin wurde das Schnelle Reaktionselement (SRE) des Heeres aktiviert. Ein mobiler Einsatztrupp setzte eine eigene Aufklärungsdrohne ein und konnte mindestens eines der Flugobjekte visuell erfassen. Anschließend wurde die Freigabe zur Bekämpfung erteilt.

Zum Einsatz kam ein Sturmgewehr vom Typ G27P mit der Spezialzieloptik „Smash X4“, die eigens für die Drohnenabwehr entwickelt wurde. Doch der Versuch blieb erfolglos. Laut Bericht konnte die Drohne nicht bekämpft werden, bewegte sich anschließend aus dem Sichtfeld und verschwand. Hinweise auf mögliche Täter oder deren Herkunft enthält das Dokument nicht.

Der Vorfall löste umgehend weitere Maßnahmen aus. Feldjäger, der Militärische Abschirmdienst (MAD) und die zivile Polizei wurden informiert, eine Strafanzeige wurde gestellt. Ein Sprecher des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr bestätigte den Drohnenüberflug offiziell, machte jedoch aus Gründen der militärischen Sicherheit keine Angaben zur genauen Anzahl der Drohnen. Bei einer Gefährdung von Einsatzbereitschaft und Sicherheit sei die unmittelbare Abwehr solcher Flugobjekte grundsätzlich zulässig, hieß es.

Besonders brisant: Nach Einschätzung der Bundeswehr handelte es sich nicht um einen Einzelfall. Bereits zuvor soll es einen weiteren verdächtigen Drohnenüberflug über der Anlage gegeben haben. Aufgrund der Mehrzahl der Drohnen, des zeitlichen Zusammenhangs mit der Einweihungsfeier und der Bedeutung des rund 3,6 Milliarden Euro teuren Hochwert-Waffensystems stuft die Bundeswehr den Vorfall als wahrscheinlich gezielte Ausspähung ein.

Parallelen zeigen sich zu einem ähnlichen Fall in Schleswig-Holstein. Anfang 2025 waren am Bundeswehrstandort Schwesing mehrfach Drohnen gesichtet worden – ebenfalls ohne erfolgreiche Abwehr. Dort wurden unter anderem ukrainische Soldaten an Patriot-Systemen ausgebildet. Die Ermittlungen wurden später mangels Erkenntnissen eingestellt.

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat die Zahl verdächtiger Drohnenflüge über militärische Anlagen, kritische Infrastruktur und Flughäfen in Deutschland stark zugenommen. Allein im Jahr 2025 registrierte das Bundeskriminalamt mehr als 1.000 entsprechende Fälle. Sicherheitskreise halten es für möglich, dass zumindest ein Teil dieser Überflüge von russischer Seite gesteuert oder beauftragt wird. Festnahmen gab es bislang jedoch nicht.

Die Abwehr von Klein- und Kleinst­drohnen gilt weiterhin als große sicherheitspolitische Herausforderung. Bund und Länder haben zuletzt reagiert: Ende 2025 wurde in Berlin ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum eingerichtet, zudem nahm bei der Bundespolizei in Ahrensfelde eine spezialisierte Einheit mit künftig 130 Kräften ihre Arbeit auf. Der Vorfall in Annaburg zeigt jedoch, wie verwundbar selbst hochgesicherte militärische Schlüsselprojekte bleiben.

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