Die Bundeswehr will ihre Möglichkeiten für den Zugang zum Weltraum deutlich ausweiten. Dabei rücken auch Raketenstartplätze in Äquatornähe in den Fokus. Hintergrund sind die geplanten großen Satellitenkonstellationen der Bundeswehr und der Wunsch nach mehr Unabhängigkeit und Flexibilität beim Start militärischer Satelliten. Das Verteidigungsministerium plant in den kommenden Jahren Konstellationen mit mehreren hundert Satelliten. Sie sollen unter anderem der sicheren Kommunikation, Aufklärung und weiteren militärischen Aufgaben dienen. Zum Einsatz kommen sollen Satelliten in unterschiedlichen Umlaufbahnen – vom niedrigen Erdorbit bis hin zu geostationären Bahnen. Beim Bau von Satelliten sieht sich Deutschland grundsätzlich gut aufgestellt. Bei Trägerraketen und verfügbaren Startplätzen bestehen dagegen größere Abhängigkeiten.
Äquator bietet entscheidenden Vorteil
Für Starts in einen geostationären Orbit ist die Nähe zum Äquator besonders wertvoll. Dort kann die Geschwindigkeit der Erdrotation beim Raketenstart optimal genutzt werden. Dadurch benötigt eine Trägerrakete weniger zusätzliche Energie und kann bei gleicher Raketenleistung mehr Nutzlast ins All bringen. Der derzeit wichtigste europäische Standort dafür ist Kourou in Französisch-Guayana, das nur rund fünf Breitengrade nördlich des Äquators liegt. Deutschland ist dagegen aufgrund seiner geografischen Lage und der dichten Besiedlung für solche Raketenstarts nur eingeschränkt geeignet.
Bundeswehr prüft verschiedene Optionen
Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums bestätigte, dass insbesondere für geostationäre Umlaufbahnen Startmöglichkeiten nahe dem Äquator untersucht werden. Welche Länder oder Standorte konkret infrage kommen, wollte das Ministerium zunächst nicht nennen. Parallel setzt die Bundeswehr weiterhin auf Kourou. Nach Angaben des Ministeriums laufen Gespräche darüber, die dort verfügbaren Startmöglichkeiten für deutsche Satelliten auszuweiten.
Eigener Startplatz nicht ausgeschlossen
Bereits im Juli hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärt, Deutschland müsse seine Startmöglichkeiten stärker diversifizieren. Die Bundeswehr dürfe bei wichtigen Satelliten nicht von begrenzten kommerziellen Startkapazitäten abhängig sein. Dabei geht es allerdings nicht zwingend um einen eigenen militärischen Weltraumbahnhof. Das Verteidigungsministerium stellt klar, dass mögliche Startplätze kommerziell oder institutionell betrieben werden könnten. Entscheidend wäre vielmehr, der Bundeswehr vertraglich ausreichende und verlässlich verfügbare Startkapazitäten zu sichern.
Auch Somalia könnte interessant werden
Eine mögliche Perspektive bietet der geplante Weltraumbahnhof Warsheikh in Somalia, den die Türkei entwickelt. Der Standort liegt deutlich näher am Äquator und verfügt über einen Startkorridor über den Indischen Ozean. Auch deutsche Raketen könnten dort künftig zum Einsatz kommen. Konkrete Vereinbarungen der Bundeswehr für eine Nutzung gibt es nach aktuellem Stand jedoch nicht.
Schwimmende Startplattformen als Alternative
Neben festen Startplätzen interessieren sich Bundeswehr und deutsche Raumfahrtunternehmen auch für mobile beziehungsweise schwimmende Startplattformen. Sie könnten flexibel an unterschiedlichen Orten eingesetzt werden und damit zusätzliche Startkapazitäten schaffen. Das Verteidigungsministerium bezeichnet solche Plattformen aufgrund ihrer flexiblen Einsatzmöglichkeiten grundsätzlich als interessante Ergänzung zu landgestützten Startplätzen.
Deutschland will unabhängiger ins All
Hinter den Überlegungen steht letztlich eine strategische Frage: Deutschland will seine militärische Satelliteninfrastruktur ausbauen, gleichzeitig aber die Abhängigkeit von wenigen Startplätzen und Anbietern reduzieren. Noch stehen die Planungen am Anfang. Eine konkrete Entscheidung über einen äquatornahen „Bundeswehr-Startplatz“ ist bislang nicht gefallen. Klar ist jedoch, dass der Zugang zum Weltraum zunehmend als Teil der nationalen Sicherheitsvorsorge betrachtet wird.


