New Orleans. Selbst eine scheinbar milde Infektion mit COVID-19 oder der Grippe kann weitreichendere Folgen haben als bislang angenommen. Eine aktuelle Studie der Tulane University zeigt: Auch wenn Fieber, Husten und akute Symptome längst abgeklungen sind, können im Körper Prozesse weiterlaufen, die Organe nachhaltig schädigen.
Die Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Frontiers in Immunology, liefern neue Hinweise darauf, warum sich manche Patientinnen und Patienten selbst Wochen oder Monate nach einer Infektion nicht vollständig erholen.
Dauerhafte Spuren in der Lunge
Für ihre Untersuchung nutzten die Forschenden ein Mausmodell, um die Langzeitfolgen schwerer Atemwegsinfektionen systematisch zu vergleichen. Analysiert wurden Lungen- und Hirngewebe nach überstandener Infektion – zu einem Zeitpunkt also, an dem die Viren selbst nicht mehr nachweisbar waren.
Das Ergebnis: Sowohl das Grippevirus als auch SARS-CoV-2 hinterlassen in der Lunge ein ähnliches Schadensbild. Immunzellen verbleiben ungewöhnlich lange im Gewebe und fördern die Ablagerung von Kollagen. Dieses Strukturprotein steht in engem Zusammenhang mit Vernarbungsprozessen. Die Folge kann eine Versteifung des Lungengewebes sein – ein möglicher biologischer Mechanismus hinter anhaltender Kurzatmigkeit nach Atemwegsinfektionen.
Doch hier endet die Gemeinsamkeit.
Reparaturmodus nach Grippe – Stillstand nach COVID-19
Bei einer genaueren Analyse zeigte sich ein entscheidender Unterschied: Nach einer Grippeerkrankung schaltet die Lunge offenbar in einen aktiven Reparaturmodus. Spezialisierte Zellen wandern in geschädigte Bereiche ein und unterstützen gezielt die Regeneration der Atemwegsschleimhaut.
Nach einer SARS-CoV-2-Infektion blieb diese koordinierte Reparaturreaktion aus. Die natürliche Heilungsantwort war abgeschwächt oder fehlte vollständig. Das deutet darauf hin, dass das Coronavirus die Regenerationsmechanismen des Körpers gezielt stören könnte – mit potenziell langfristigen Folgen für die Lungenfunktion.
Alarmzeichen im Gehirn
Besonders brisant sind die Befunde im Gehirn. Obwohl weder Influenza- noch Coronavirus im untersuchten Gewebe nachweisbar waren, zeigten Mäuse nach einer COVID-19-Infektion noch Wochen später deutliche Anzeichen einer anhaltenden Entzündungsreaktion im Gehirn.
Hinzu kamen mikroskopisch kleine Blutungen – ein Hinweis auf Schäden an den feinen Blutgefäßen. Die Genexpressionsanalyse offenbarte eine dauerhaft aktivierte entzündliche Signalgebung. Zudem waren Signalwege gestört, die für die Regulation der Neurotransmitter Serotonin und Dopamin entscheidend sind.
Diese Veränderungen liefern eine mögliche Erklärung für neurologische Langzeitsymptome wie „Brain Fog“, chronische Erschöpfung und Stimmungsschwankungen, die viele Betroffene nach COVID-19 berichten.
Zwei Viren, unterschiedliche Langzeitrisiken
Während die Grippe häufiger mit anhaltenden Atemwegsproblemen assoziiert wird, scheint COVID-19 zusätzlich das zentrale Nervensystem nachhaltig zu beeinflussen. Die Studie legt nahe, dass selbst milde Verläufe biologische Prozesse in Gang setzen können, die über das Ende der akuten Infektion hinaus bestehen bleiben.
Die Forschenden betonen, dass weitere Studien notwendig sind, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen abschließend zu klären. Doch die Daten liefern einen wichtigen Baustein zum Verständnis von Long-COVID – und werfen zugleich die Frage auf, welche langfristigen Gesundheitsfolgen selbst „harmlose“ Atemwegsinfektionen tatsächlich haben.


