Blackout: Deutschland droht die Unterdeckung

Vor fast genau einem Jahr versank Irland im Chaos: Das Orkantief Éowyn legte weite Teile des Landes lahm, rund eine Million Menschen waren zeitweise ohne Strom und Heizung. Straßen waren blockiert, Leitungen zerstört, ganze Regionen abgeschnitten. Der Chef des nordirischen Netzbetreibers Northern Ireland Electricity Networks, Derek Hynes, setzte damals einen europaweiten Notruf ab. Hilfe kam unter anderem aus Deutschland – und das binnen Stunden.

Deutsche Techniker im Noteinsatz

Rund 50 Fachkräfte der E.on-Netzgesellschaften Avacon, HanseWerk und Westnetz machten sich umgehend auf den Weg. Einige brachen sogar ihren Urlaub ab, luden Werkzeug in ihre privaten Autos und fuhren Richtung Irland. Die Düsseldorfer Konzernzentrale von E.ON entsandte zudem ein Vorauskommando per Flugzeug nach Dublin.

Ein Fall internationaler Solidarität – und zugleich ein Warnsignal: Großflächige, ungeplante Stromausfälle sind längst keine Ausnahme mehr.

Sabotage, Systemfehler, Überlastung

Auch in Deutschland häufen sich Störungen. In Berlin legte die sogenannte „Vulkangruppe“ durch Sabotage an Stromleitungen Anfang des Jahres rund 45.000 Haushalte für mehrere Tage lahm. Die Ermittlungen laufen. Noch gravierender war der Zusammenbruch der Stromversorgung auf der gesamten iberischen Halbinsel am 12. Mai des vergangenen Jahres. Spanien und Portugal waren für rund zehn Stunden ohne Strom. Sieben Todesfälle stehen im Zusammenhang mit dem Blackout.

Der europäische Netzbetreiberverband ENTSO-E untersucht die Ursachen. Diskutiert wird, ob eine Kombination aus zu wenig steuerbaren Kraftwerken und einem hohen Anteil an Solarstrom eine Rolle gespielt haben könnte.

Energiewende und Versorgungssicherheit

Ob die Energiewende das Risiko von Stromausfällen erhöht, ist politisch und fachlich umstritten. Die Bundesnetzagentur verweist auf den sogenannten SAIDI-Index, der die durchschnittliche Dauer ungeplanter Stromausfälle misst. Mit 11,7 Minuten pro Jahr zählt Deutschland international zu den Spitzenreitern bei der Versorgungsstabilität.

Doch der Wert hat Grenzen: Er erfasst nur Unterbrechungen von mehr als drei Minuten. Kurzzeitige Spannungseinbrüche bleiben außen vor – obwohl sie gravierende Folgen haben können. In Stuttgart führte ein nur 0,06 Sekunden dauernder Spannungsabfall dazu, dass Ampeln ausfielen, Fahrstühle stecken blieben und die Stadtbahn stoppte. Selbst die Bundesnetzagentur warnt, der SAIDI-Index sei kein verlässlicher Indikator für zukünftige Risiken.

Steigende Unterdeckungsrisiken

Entscheidend ist der Blick nach vorn. Europas Stromsystem befindet sich im Umbau: Weg von zentralen Großkraftwerken, hin zu Millionen wetterabhängiger, dezentraler Erzeuger.

Im sogenannten ERAA-Report berechnet ENTSO-E die „Loss of Load Expectation“ (LOLE) – also die Stunden pro Jahr, in denen die Stromnachfrage das Angebot übersteigt. In vielen EU-Ländern steigen diese Werte. Für Deutschland prognostiziert der aktuelle Bericht eine mögliche Unterdeckung von bis zu 31 Stunden im Jahr 2030. Der definierte Versorgungssicherheitsstandard von 2,77 Stunden würde damit deutlich überschritten. In solchen Situationen wäre Deutschland auf Importe oder die Abschaltung großer Industrieverbraucher angewiesen, um einen flächendeckenden Blackout zu verhindern.

Warnsignal für Politik und Wirtschaft

Die Ereignisse in Irland, auf der iberischen Halbinsel und in deutschen Städten zeigen: Stromausfälle sind kein abstraktes Szenario mehr. Sabotage, Extremwetter und strukturelle Engpässe treffen auf ein Energiesystem im Umbruch.

Die Frage ist nicht mehr, ob es zu Engpässen kommt – sondern wie gut Europa darauf vorbereitet ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert