Deutschland sieht sich mit einer wachsenden Zahl möglicher Sabotageakte konfrontiert. Nach einem vertraulichen Lagebild des Bundeskriminalamts wurden in diesem Jahr bereits 165 Sabotage-Verdachtsfälle registriert. Hinzu kommen mehr als 740 verdächtige Drohnensichtungen. Die Zahlen stammen aus einem internen BKA-Lagebild, das NDR, WDR und die „Süddeutsche Zeitung“ auswerten konnten.
Die Verdachtsfälle betreffen unterschiedliche Bereiche der deutschen Infrastruktur. Dazu zählen unter anderem Bahnstrecken, Energieanlagen, Funk- und Kommunikationssysteme, Flughäfen, Bundeswehrstandorte sowie weitere Einrichtungen von strategischer Bedeutung. Bereits 2025 hatte das BKA bundesweit 321 Sabotage-Verdachtsfälle erfasst. Besonders viele Fälle wurden damals in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen registriert.
Drohnen sorgen für zusätzliche Unruhe
Neben klassischen Sabotagehandlungen beschäftigen die Sicherheitsbehörden zunehmend verdächtige Drohnenflüge. Das BKA registrierte in diesem Jahr mehr als 740 entsprechende Sichtungen. Nicht jede Beobachtung bedeutet automatisch einen Spionage- oder Sabotageversuch. Die Häufung solcher Fälle zeigt jedoch, dass Drohnen inzwischen zu einem wichtigen Bestandteil der Sicherheitslage geworden sind.
Stromnetz wird zum aktuellen Brennpunkt
Wie verwundbar kritische Infrastruktur sein kann, zeigten zuletzt zwei mutmaßliche Sabotageakte innerhalb weniger Stunden. In Brandenburg wurden Einrichtungen nahe Jänschwalde angegriffen, anschließend kam es zu einem gezielten Angriff auf ein Umspannwerk bei Bergheim in Nordrhein-Westfalen. In beiden Fällen blieb ein größerer Stromausfall aus. Die Vorfälle zeigen dennoch, dass relativ einfache Mittel erhebliche Auswirkungen auf komplexe Infrastrukturen haben können.
Auch Bahn und Militärtransporte gefährdet
Bereits Anfang 2026 registrierte das BKA mehrere auffällige Vorfälle. Dazu gehörten unter anderem ein Einbruch in ein Umspannwerk in Wuppertal, ein versuchter Einbruch in eine Windenergieanlage sowie der Diebstahl von Funkgeräten der Deutschen Bahn. Besonders brisant war zudem ein Vorfall an einer Bahnstrecke in Essen. Dort wurden Metallklammern auf den Gleisen entdeckt. Auf der Strecke war ein Gütertransport mit gefährlichen Stoffen unterwegs; ursprünglich sollte dort zudem ein Transport für das US-Militär verkehren.
Wer hinter den Angriffen steckt, bleibt oft unklar
Die große Herausforderung für die Ermittler besteht darin, die Täter und ihre Motive zu identifizieren. In Betracht kommen sowohl extremistische Gruppen als auch ausländische Nachrichtendienste oder andere staatlich gesteuerte Akteure. Bei aktuellen Angriffen auf Stromanlagen prüfen die Behörden deshalb ausdrücklich verschiedene Szenarien. Auch eine Verbindung zu ausländisch gesteuerten Sabotageaktionen wird nicht ausgeschlossen. Belastbare Beweise für einen einheitlichen Urheber liegen bislang jedoch nicht vor.
Deutschland im Visier hybrider Angriffe
Die Entwicklung wird von Sicherheitsbehörden zunehmend unter dem Begriff hybride Bedrohung zusammengefasst. Gemeint sind Aktionen, die unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts bleiben, aber gezielt staatliche Strukturen, Unternehmen und die Bevölkerung unter Druck setzen können. Sabotage, Spionage, Cyberangriffe, Drohnenüberwachung und Desinformation können dabei miteinander kombiniert werden.
Neue Dimension der Sicherheitslage
Die Zahlen des BKA verleihen dieser Entwicklung zusätzliches Gewicht. 165 Sabotage-Verdachtsfälle und mehr als 740 verdächtige Drohnensichtungen innerhalb weniger Monate bedeuten nicht, dass hinter jedem einzelnen Fall ein organisierter Angriff steckt. Sie zeigen jedoch, dass deutsche Sicherheitsbehörden inzwischen mit einer deutlich größeren Zahl potenziell sicherheitsrelevanter Vorfälle umgehen müssen.


