Der Krieg zwischen dem Iran und den USA hat den internationalen Schiffsverkehr in einer der wichtigsten Seehandelsregionen der Welt massiv beeinträchtigt. Rund ein halbes Jahr nach Beginn des Konflikts können nach Angaben der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) noch immer bis zu 400 Schiffe mit rund 6.000 Seeleuten den Persischen Golf nicht sicher verlassen. Im Zentrum der Krise steht die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit dem Indischen Ozean verbindet. Die Meerenge gehört zu den bedeutendsten Transportwegen für Erdöl und Flüssiggas weltweit.
Während vor dem Krieg täglich rund 140 Schiffe die Passage nutzten, ist der Verkehr inzwischen drastisch eingebrochen. Nach Angaben der britischen Schifffahrtssicherheitsbehörde wurden zuletzt zwar knapp 30 Durchfahrten pro Tag registriert, andere Anbieter kommen auf deutlich niedrigere Zahlen.
70 Angriffe auf internationale Schiffe
Wie angespannt die Situation ist, zeigen die Zahlen der IMO. Seit Beginn des Krieges Ende Februar wurden nach Angaben der Organisation 70 Angriffe auf internationale Schiffe verifiziert. Dabei kamen 19 Seeleute ums Leben. IMO-Generalsekretär Arsenio Dominguez warnte vor den Folgen der anhaltenden Unsicherheit für die internationale Schifffahrt und die betroffenen Besatzungen. Für die Seeleute bedeutet die Situation teilweise monatelanges Warten. Schiffe können ihre Ladung nicht wie geplant transportieren und müssen in einem unsicheren Umfeld auf eine sichere Möglichkeit zur Weiterfahrt hoffen.
Iran beansprucht Kontrolle über die Meerenge
Teheran besteht darauf, die Kontrolle über die Straße von Hormus auszuüben. Die iranischen Revolutionsgarden erklärten zuletzt, Schiffe dürften die Meerenge nur nach entsprechender Abstimmung mit iranischen Stellen passieren. Gleichzeitig bestreiten die USA, dass die Passage vollständig blockiert sei. Der Konflikt um die Kontrolle der Meerenge hat damit längst eine wirtschaftliche Dimension erreicht. Erst vor wenigen Tagen drohte der Iran Dutzenden Tankern mit Geldstrafen, Festsetzung oder Beschlagnahmung ihrer Ladung, wenn diese nach iranischer Auffassung gegen die geltenden Transitregeln verstoßen.
Auswirkungen reichen weit über den Golf hinaus
Die Folgen der eingeschränkten Schifffahrt betreffen nicht nur die unmittelbar beteiligten Staaten. Die Straße von Hormus ist eine zentrale Lebensader des weltweiten Energiehandels. Einschränkungen können deshalb Lieferketten für Kraftstoffe, Düngemittel und andere Rohstoffe beeinträchtigen. Die IMO warnt entsprechend vor Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Gleichzeitig versuchen die USA, den wirtschaftlichen Druck auf den Iran weiter zu erhöhen. Nach Angaben des zuständigen US-Kommandos wurden im Rahmen der amerikanischen Seeblockade bereits 82 Handelsschiffe umgeleitet.
Keine Rückkehr zum normalen Schiffsverkehr in Sicht
Obwohl einzelne Schiffe die Straße von Hormus weiterhin passieren, ist von einer Normalisierung des Verkehrs bislang keine Rede. Die Zahl der Durchfahrten liegt deutlich unter dem Vorkriegsniveau, während gleichzeitig die militärische und politische Konfrontation anhält. Damit bleibt die Situation für die internationale Handelsschifffahrt hochriskant. Solange die Frage der Kontrolle über die Straße von Hormus nicht geklärt ist, dürfte der Persische Golf ein schwer kalkulierbarer Brennpunkt für Reedereien, Seeleute und den globalen Energiehandel bleiben.


