USA stoppen Unterseekabel zwischen Chile und China

Ein geplantes Unterseekabel zwischen Chile und China entwickelt sich zu einem neuen Brennpunkt im Machtkampf zwischen Washington und Peking. Neue Erkenntnisse legen nahe, dass die chilenische Regierung das Projekt nicht allein aus eigenen Sicherheitsbedenken gestoppt hat. Vielmehr soll die US-Regierung erheblichen politischen Druck auf beteiligte chilenische Beamte ausgeübt haben – bis hin zu Drohungen mit dem Entzug von US-Visa.

20.000 Kilometer Glasfaser quer über den Pazifik

Im Mittelpunkt steht das sogenannte Chile-China Express. Geplant war ein rund 20.000 Kilometer langes Glasfaser-Unterseekabel zwischen Valparaíso an der chilenischen Pazifikküste und Hongkong. Das Projekt sollte Chile eine direkte digitale Verbindung mit Asien ermöglichen und damit eine zusätzliche Datenroute schaffen. Für Santiago wäre dies strategisch interessant gewesen, weil die internationale Datenkommunikation des Landes bislang stark von bestehenden Verbindungen und großen westlichen Technologieunternehmen abhängig ist. China Mobile International war mit dem Vorhaben betraut. Die chilenische Regierung hatte dem Projekt im Januar 2026 zunächst zugestimmt. Kurz darauf wurde die Genehmigung jedoch wieder zurückgezogen. Offiziell war von einem technischen Fehler beziehungsweise zusätzlichen Prüfungen die Rede.

Washington erhöhte offenbar massiv den Druck

Neue Enthüllungen stellen diese offizielle Darstellung nun infrage. Nach Recherchen, über die unter anderem der New York Times und chilenische Medien berichteten, sollen US-Vertreter bereits unmittelbar nach der Genehmigung Kontakt zu beteiligten chilenischen Regierungsmitarbeitern aufgenommen haben. Bei einem kurzen Treffen in der US-Botschaft in Santiago sollen chilenische Beamte ausdrücklich vor möglichen Konsequenzen gewarnt worden sein. Nach den nun bekannt gewordenen Informationen standen dabei auch die US-Einreisevisa der Verantwortlichen und ihrer engsten Angehörigen im Raum. Ein ehemaliger chilenischer Telekommunikationsbeamter bezeichnete die Warnung sinngemäß als Drohung.

Drei chilenische Ex-Beamte verloren ihre Visa

Der Streit blieb nicht bei einer Warnung. Am 20. Februar 2026 entzog das US-Außenministerium drei ehemaligen chilenischen Regierungsvertretern ihre Visa. Betroffen waren der frühere Verkehrs- und Telekommunikationsminister Juan Carlos Muñoz, der ehemalige Telekommunikationsstaatssekretär Claudio Araya sowie Guillermo Petersen, ein früherer Kabinettsmitarbeiter. Washington begründete die Maßnahmen mit angeblichen Aktivitäten, die kritische Telekommunikationsinfrastruktur und die regionale Sicherheit gefährdet hätten. Damit bekam der Streit eine ungewöhnliche diplomatische Dimension: Nicht nur das chinesische Infrastrukturprojekt stand unter Druck – auch chilenische Regierungsvertreter wurden persönlich sanktioniert.

Chile zwischen den Fronten

Für Chile ist der Vorgang politisch äußerst heikel. Das südamerikanische Land unterhält sowohl enge wirtschaftliche Beziehungen zu China als auch strategische Beziehungen zu den USA. Das geplante Kabel wurde deshalb zu einem Symbol für die Frage, wie weit Chile bei seiner digitalen Infrastruktur von China abhängig werden darf und wie stark Washington Einfluss auf solche Entscheidungen nehmen kann. Kritiker der US-Politik sehen in dem Vorgehen einen Eingriff in die chilenische Souveränität. Auch der sozialistische Senator José Miguel Insulza bezeichnete die Maßnahmen als Angriff auf die Entscheidungsfreiheit seines Landes.

USA warnen vor Sicherheits- und Spionagerisiken

Washington begründet seine Ablehnung vor allem mit Sicherheitsbedenken. Bei einem internationalen Unterseekabel geht es schließlich nicht nur um schnelle Datenverbindungen. Solche Leitungen gehören zur kritischen digitalen Infrastruktur und transportieren einen erheblichen Teil des weltweiten Datenverkehrs. Die USA befürchten, dass China durch die Kontrolle oder Beteiligung an solchen Infrastrukturprojekten seinen Einfluss auf internationale Kommunikationswege ausweiten könnte. Insbesondere China Mobile und andere chinesische Technologieunternehmen stehen in Washington seit Jahren unter besonderer Beobachtung. China weist die Vorwürfe zurück. Peking argumentiert, das Projekt richte sich nicht gegen Drittstaaten und diene ausschließlich der Verbesserung der internationalen digitalen Konnektivität.

Digitaler Machtkampf erreicht Südamerika

Der Konflikt zeigt, dass der Wettbewerb zwischen China und den USA längst nicht mehr auf Halbleiter, künstliche Intelligenz oder Mobilfunknetze beschränkt ist. Auch Unterseekabel sind inzwischen geopolitische Infrastruktur. Über sie laufen riesige Mengen internationaler Daten – von Finanztransaktionen über Cloud-Dienste bis hin zu Kommunikations- und Unternehmensdaten. Wer über zusätzliche Datenrouten verfügt, kann seine Abhängigkeit von einzelnen Anbietern reduzieren. Genau diese strategische Dimension macht das Projekt für Washington und Peking so bedeutsam. Chile wollte nach Einschätzung von Experten mit der direkten Verbindung nach Asien seine digitalen Optionen erweitern. Eine zusätzliche Route könnte zudem als Ausweichverbindung dienen, falls bestehende Kabel ausfallen oder beschädigt werden.

China baut digitale Präsenz in Lateinamerika aus

Der Streit um das Kabel steht zudem in einem größeren Zusammenhang. Chinesische Unternehmen sind in Lateinamerika zunehmend im Bereich Telekommunikation und digitaler Infrastruktur aktiv. Huawei, ZTE, China Telecom und Alibaba Cloud sind in verschiedenen Ländern der Region präsent. Für China ist Lateinamerika damit nicht nur ein wichtiger Absatzmarkt, sondern auch ein zunehmend bedeutender Raum für digitale Infrastruktur. Für die USA wiederum wächst damit die Sorge, dass Peking langfristig eine größere Rolle bei der digitalen Vernetzung des amerikanischen Kontinents spielen könnte.

Projekt weiterhin nicht endgültig vom Tisch

Trotz des politischen Streits ist das Chile-China-Express-Projekt offenbar noch nicht endgültig beendet. Die neue chilenische Regierung unter Präsident José Antonio Kast lässt die Angelegenheit weiterhin prüfen. Die zuständige Telekommunikationsbehörde forderte von China Mobile zusätzliche Informationen an. Dabei sollen neben technischen Fragen auch geopolitische Aspekte, Cybersicherheit und der Schutz von Daten berücksichtigt werden. Das bedeutet: Das Kabel ist derzeit blockiert, aber nicht endgültig beerdigt.

Chile muss zwischen China und USA navigieren

Die neue chilenische Regierung steht damit vor einer schwierigen Entscheidung. Eine endgültige Absage an das chinesische Projekt könnte die Beziehungen zu Washington verbessern, würde aber zugleich Chinas Kritik hervorrufen und Chile eine geplante zusätzliche Verbindung nach Asien kosten. Eine Genehmigung wiederum könnte neue Spannungen mit den USA auslösen. Parallel dazu verfolgt Chile offenbar auch andere Möglichkeiten. Ein von Google geplantes Unterseekabel zwischen Chile und Australien soll voraussichtlich 2027 in Betrieb gehen. Damit könnte Chile seine Verbindung zum asiatisch-pazifischen Raum auch über einen westlichen Technologiekonzern ausbauen.

Unterseekabel werden zum geopolitischen Machtinstrument

Der Fall Chile zeigt damit exemplarisch, wie stark digitale Infrastruktur inzwischen Teil internationaler Machtpolitik geworden ist. Was auf den ersten Blick wie ein technisches Telekommunikationsprojekt erscheint, berührt Fragen der nationalen Sicherheit, wirtschaftlichen Unabhängigkeit und digitalen Souveränität. Die Auseinandersetzung zwischen Washington und Peking wird damit zunehmend auch unter Wasser ausgetragen – entlang der Glasfaserkabel, die den weltweiten Datenverkehr ermöglichen. Für Chile geht es deshalb um weit mehr als die Genehmigung eines einzelnen Kabels. Es geht um die Frage, wer künftig die digitalen Verbindungen des Landes kontrolliert und wie unabhängig Santiago zwischen den konkurrierenden Machtblöcken bleiben kann.

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