Rhein-Niedrigwasser setzt Industrie unter Druck

Das historische Niedrigwasser auf dem Rhein entwickelt sich zunehmend zu einem wirtschaftlichen Risiko für Deutschland. Die wichtigste Binnenwasserstraße Europas kann vielerorts nur noch eingeschränkt genutzt werden. Frachtschiffe müssen ihre Ladung drastisch reduzieren, Transporte werden teurer und erste Industrieunternehmen bekommen Probleme bei der Versorgung mit Rohstoffen. Besonders kritisch ist die Situation am Pegel Kaub zwischen Koblenz und Mainz. Sollte der Wasserstand dort weiter sinken, könnte der Rhein für die gewerbliche Güterschifffahrt auf einem wichtigen Abschnitt praktisch unpassierbar werden. Das hätte erhebliche Folgen für Chemie-, Stahl-, Energie- und weitere Industriebetriebe entlang des Flusses.

Covestro muss Produktion bereits einschränken

Die Auswirkungen sind inzwischen in den Unternehmen angekommen. Der Chemiekonzern Covestro bestätigte, dass die extreme Niedrigwasserlage den Rohstoff- und Warenverkehr erheblich behindert. Das wirkt sich bereits auf die Versorgung einzelner Betriebe und damit auf deren Produktion aus. Für ausgewählte Produkte des PET-Betriebs am Standort Dormagen erklärte Covestro am 11. August sogar sogenannte höhere Gewalt („Force Majeure“). Damit kann das Unternehmen bestimmte vertragliche Lieferverpflichtungen vorübergehend nicht erfüllen. Eine einfache Verlagerung der Transporte auf die Straße ist kaum möglich. Ein Binnenschiff mit einer Ladekapazität von etwa 1.500 Tonnen kann ungefähr 60 Lkw-Fahrten ersetzen. Die fehlenden Schiffskapazitäten lassen sich deshalb nicht kurzfristig durch Lastwagen kompensieren.

Rhein droht zur Engstelle für Lieferketten zu werden

Der Rhein ist für die deutsche Industrie weit mehr als eine Wasserstraße. Über ihn werden große Mengen an Rohstoffen, Chemikalien, Mineralölprodukten, Getreide und weiteren Gütern transportiert. Zahlreiche Produktionsstandorte befinden sich unmittelbar am Fluss oder sind auf dessen Transportkapazitäten angewiesen. Genau diese Abhängigkeit wird bei extremem Niedrigwasser zum Problem. Können Schiffe nicht mehr ausreichend beladen werden, steigen die Transportkosten und die Zahl der notwendigen Fahrten. Sinkt der Wasserstand weiter, kommt irgendwann der Punkt, an dem bestimmte Transporte überhaupt nicht mehr wirtschaftlich oder technisch möglich sind.

Pegelstände erreichen historische Dimensionen

Die Entwicklung der vergangenen Wochen ist außergewöhnlich. Am Pegel Kaub wurden zuletzt Werte gemessen, die deutlich unter den langjährigen Niedrigwasserständen liegen. Am 11. August lag der dortige Wasserstand laut Contargo bei nur noch 15 Zentimetern; am 10. August waren es 17 Zentimeter. Der historische Tiefststand am Pegel Kaub liegt bei 25 Zentimetern und wurde am 22. Oktober 2018 erreicht. Die aktuellen Werte nähern sich diesem Rekord beziehungsweise unterschreiten ihn nach den jüngsten Entwicklungen.

Auch weiter nördlich verschärft sich die Situation. In Köln wurde inzwischen ein neuer Tiefststand von 56 Zentimetern gemessen. Für die kommenden Tage wurde ein weiterer Rückgang prognostiziert. In Düsseldorf und anderen Messstellen werden ebenfalls außergewöhnlich niedrige Werte erwartet.

Der Rhein könnte praktisch zweigeteilt werden

Besonders alarmiert ist die Binnenschifffahrtsbranche über die Entwicklung südlich von Kaub. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt warnt davor, dass der Rhein bei weiter sinkendem Wasserstand nicht mehr durchgängig befahrbar sein könnte. Der Bereich um Kaub ist besonders empfindlich, weil die Fahrrinne dort ohnehin vergleichsweise flach ist. Wird ein kritischer Wasserstand unterschritten, können Frachtschiffe den Abschnitt nicht mehr mit wirtschaftlich vertretbarer Beladung passieren. Die Folge wäre eine faktische Unterbrechung der wichtigsten europäischen Wasserstraße. Für die Wirtschaft wäre das ein gravierender Einschnitt: Lieferketten würden nicht nur langsamer und teurer, sondern könnten an einer zentralen Stelle vollständig unterbrochen werden.

Alternative über Straße und Schiene reicht nicht aus

Die Unternehmen versuchen, Transporte auf andere Verkehrsträger umzulenken. Doch Lastwagen und Bahn können die riesigen Mengen der Binnenschifffahrt nicht kurzfristig übernehmen. Ein Teil des zusätzlichen Güterverkehrs kann zwar auf die Straße verlagert werden. Wegen der schieren Transportmengen stößt diese Lösung jedoch schnell an ihre Grenzen. Auch die Bahn verfügt nicht über genügend freie Kapazitäten, um einen längerfristigen Komplettausfall der Rheinschifffahrt aufzufangen. Mehrere Bundesländer haben deshalb bereits das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lastwagen vorübergehend ausgesetzt. Damit soll zumindest zusätzliche Flexibilität für Unternehmen geschaffen werden.

Stahlindustrie ebenfalls unter Druck

Nicht nur die Chemiebranche ist betroffen. Auch Stahlhersteller und Rohstoffhändler kämpfen mit den Folgen des Niedrigwassers. Der Stahlkonzern Salzgitter warnt vor möglichen Lieferengpässen und steigenden Preisen. Der Agrarhändler RWZ berichtet ebenfalls von erheblichen Einschränkungen. Nach Reuters-Angaben wurden zeitweise weniger als zehn Prozent der üblichen Transportmengen per Schiff bewegt. Damit wächst die Gefahr, dass aus einem Problem der Binnenschifffahrt ein Problem der gesamten industriellen Lieferkette wird.

Auch Energieversorgung betroffen

Die Folgen reichen darüber hinaus in den Energiesektor. Niedrige Wasserstände können nicht nur den Transport von Brennstoffen erschweren, sondern auch die Stromerzeugung an Wasserkraftwerken beeinträchtigen. Versorger wie Uniper und EnBW verzeichnen bereits eine geringere Wasserkraftproduktion. Gleichzeitig können eingeschränkte Schiffstransporte die Versorgung von Kraftwerken und Raffinerien mit wichtigen Einsatzstoffen erschweren. Das macht das Niedrigwasser zu einem Problem, das mehrere Bereiche der kritischen Infrastruktur gleichzeitig berührt.

Industrie fordert bessere Wasserstraßen-Infrastruktur

Die aktuelle Krise belebt eine schon länger geführte Debatte über den Zustand und die Zukunft der deutschen Wasserstraßen. Industrieverbände fordern seit Jahren, die Fahrrinnen des Rheins verlässlicher für Niedrigwasserperioden auszubauen und die Infrastruktur besser an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen. Denn extreme Niedrigwasserlagen könnten infolge des Klimawandels häufiger auftreten. Ein einzelnes Rekordjahr wäre dann nicht mehr nur ein außergewöhnliches Ereignis, sondern ein Vorgeschmack auf ein strukturelles Problem.

Verkehrsministerium sucht nach kurzfristigen Lösungen

Die Bundesregierung steht deshalb unter Zeitdruck. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger wollte mit den Verkehrsministern der Länder über weitere Maßnahmen beraten. Dabei geht es unter anderem um den Umgang mit Gütern, die wegen der eingeschränkten Schifffahrt nicht wie geplant abtransportiert werden können. Auch eine flexiblere Nutzung vorhandener Transportkapazitäten und weitere Ausnahmen beziehungsweise Erleichterungen für den Straßengüterverkehr stehen im Raum. Solche Maßnahmen können die Folgen jedoch lediglich abmildern. Sie ersetzen nicht die Transportleistung, die der Rhein normalerweise erbringt.

Unternehmen geraten in einen Wettlauf mit dem Wasserstand

Für die Industrie wird deshalb entscheidend, wie sich der Rhein in den kommenden Tagen entwickelt. Eine kurzfristige Entspannung könnte die Lage stabilisieren. Bleibt der Regen aus und sinken die Pegel weiter, dürften weitere Unternehmen unter Druck geraten. Besonders gefährlich ist eine Kombination aus niedrigen Wasserständen und gleichzeitig hohen Transportmengen. Dann reichen die vorhandenen Ausweichmöglichkeiten nicht mehr aus. Lagerbestände werden kleiner, Lieferzeiten verlängern sich und Produktionsanlagen könnten wegen fehlender Rohstoffe gedrosselt oder vorübergehend stillgelegt werden. Genau diese Entwicklung ist bei einzelnen Unternehmen bereits sichtbar.

Niedrigwasser wird zum wirtschaftlichen Stresstest

Der aktuelle Rheinpegel zeigt damit eindrucksvoll, wie abhängig die deutsche Wirtschaft von funktionierenden Verkehrswegen ist. Die Binnenschifffahrt transportiert große Mengen mit vergleichsweise geringem Energieaufwand. Fallen diese Kapazitäten weg, entstehen nicht nur zusätzliche Kosten, sondern auch logistische Engpässe, die sich kaum kurzfristig kompensieren lassen. Das Problem geht deshalb weit über den Rhein hinaus. Wenn der wichtigste Güterverkehrskorridor für Rohstoffe und industrielle Vorprodukte an seine Grenzen stößt, betrifft das letztlich Produktionsstandorte in weiten Teilen Deutschlands und Europas. Noch ist der Rhein nicht vollständig unterbrochen. Doch die Warnungen der Industrie und der Binnenschifffahrt werden zunehmend konkreter. Aus einem extremen Wetterereignis entwickelt sich ein ernstzunehmender Stresstest für Deutschlands Lieferketten.

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