Ein kräftiges Erdbeben hat am Dienstagmorgen den Vulkan Bárðarbunga im Zentrum Islands erschüttert. Das Beben erreichte nach Angaben des isländischen Wetteramtes eine Magnitude von 5,3 und ereignete sich um 5.36 Uhr Ortszeit. Das Hypozentrum lag in einer Tiefe von rund 3,5 Kilometern. Das Epizentrum wurde am nördlichen Rand der gewaltigen Bárðarbunga-Caldera lokalisiert, etwa 3,6 Kilometer nordöstlich ihres Zentrums. Auf das Hauptbeben folgte eine Reihe schwächerer Nachbeben. Das Ereignis sorgt angesichts der bekannten vulkanischen Aktivität des Bárðarbunga-Systems für Aufmerksamkeit. Nach aktuellem Stand gibt es jedoch keine Anzeichen dafür, dass unmittelbar ein Vulkanausbruch bevorsteht.
Vulkan befindet sich in einer Phase der Wiederaufladung
Das aktuelle Erdbeben steht nach Einschätzung von Vulkanologen im Zusammenhang mit langfristigen Prozessen im Untergrund des Vulkans. Der Bárðarbunga befindet sich seit Jahren in einer Phase der sogenannten magmatischen Wiederaufladung. Während des großen Holuhraun-Ausbruchs von 2014 bis 2015 war Magma aus dem Bereich des Vulkans über einen mehr als 40 Kilometer langen Gang in nordöstlicher Richtung abgeflossen. Dabei entstand eines der größten Lavafelder Islands aus jüngerer Zeit.
Gleichzeitig verlor die flach unter dem Zentralvulkan liegende Magmakammer einen erheblichen Teil ihres Inhalts. Die darüberliegende Caldera sackte damals um mehr als 60 Meter ab. Die gewaltige Eruption wurde von zahlreichen starken Erdbeben begleitet.
Magmakammer füllt sich langsam wieder
Seit dem Ende der Eruption beobachten Geowissenschaftler eine langsame Veränderung des Vulkansystems. Das Magmareservoir unter dem Bárðarbunga füllt sich demnach allmählich wieder auf. Mit dem zunehmenden Druck hebt sich der Boden der Caldera langsam an. Dabei entstehen Spannungen im Gestein rund um den Calderarand. Diese Spannungen können sich in kräftigen vulkanotektonischen Erdbeben entladen. Das aktuelle Beben der Magnitude 5,3 wird deshalb in erster Linie als Teil dieses längerfristigen Prozesses interpretiert. Die wiederkehrenden starken Erschütterungen sind demnach ein Ausdruck der anhaltenden Aktivität des Vulkansystems – nicht automatisch ein Signal für einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch.
Bodenhebung zeigt anhaltende Aktivität
Neben den Erdbeben beobachten die Vulkanologen auch Veränderungen an der Erdoberfläche. Nach den vorliegenden Messungen hebt sich der Boden im Bereich des Bárðarbunga-Systems weiter an. Am westlichen Rand des Vatnajökull soll sich der Untergrund innerhalb eines Jahres um etwa acht Zentimeter gehoben haben. Die Bodenbewegungen gelten als weiterer Hinweis darauf, dass sich das Magmasystem unter dem Gletscher langfristig verändert. Für die Vulkanüberwachung sind solche Messungen von großer Bedeutung. Zusammen mit der Erdbebenaktivität liefern sie Hinweise darauf, wie sich der Druck im Untergrund entwickelt und ob sich möglicherweise neue Magmawege öffnen.
Starke Erdbeben sind unter dem Bárðarbunga keine Seltenheit
Das aktuelle Beben ist zwar ungewöhnlich stark, kommt im Bárðarbunga-System aber nicht völlig überraschend. Seit dem Ende des Holuhraun-Ausbruchs wurden dort bereits mehrere Dutzend Erdbeben mit Magnituden zwischen 5,0 und 5,7 registriert. Besonders häufig waren starke Erschütterungen in den Jahren unmittelbar nach dem Ende der Eruption. Doch auch heute gehören Beben dieser Größenordnung weiterhin zum charakteristischen Aktivitätsmuster des Vulkans. Erst am 13. Juni 2026 wurde in der Region ein weiteres Erdbeben der Magnitude 5 registriert. Bereits im Juni war zudem ein Erdbebenschwarm mit einem stärksten Beben der Magnitude 4,8 gemeldet worden.
Kein Hinweis auf unmittelbar bevorstehenden Vulkanausbruch
Trotz der deutlichen seismischen Aktivität gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand keinen konkreten Hinweis auf einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel verschiedener Messdaten. Ein einzelnes starkes Erdbeben reicht nicht aus, um einen bevorstehenden Vulkanausbruch vorherzusagen. Erst wenn sich beispielsweise die Erdbebenaktivität deutlich verändert, Magma in größere Höhen aufsteigt oder sich charakteristische Bodenverformungen und andere vulkanische Signale zeigen, könnte sich die Einschätzung der Experten ändern.
Derzeit sprechen die verfügbaren Daten demnach eher für eine fortschreitende Regeneration des Magmasystems als für eine unmittelbar bevorstehende Eruption.
Bárðarbunga bleibt einer der wichtigsten aktiven Vulkane Islands
Der Bárðarbunga liegt unter dem mächtigen Eisschild des Vatnajökull und gehört zu den bedeutendsten Vulkansystemen Islands. Gerade die Lage unter dem Gletscher macht mögliche zukünftige Ausbrüche besonders relevant. Sollte es zu einer größeren Eruption unter dem Eis kommen, könnten Schmelzwasser und Eis zu gewaltigen Gletscherläufen führen. Je nach Ort und Stärke eines Ausbruchs wären zudem Lavaflüsse und Ascheniederschläge möglich. Die Ereignisse von 2014 und 2015 haben gezeigt, welche Dimensionen die vulkanischen Prozesse in diesem Gebiet erreichen können. Damals entstand durch den Ausbruch im Holuhraun-Gebiet ein riesiges Lavafeld. Die damalige Eruption war zugleich von einer außergewöhnlich intensiven Erdbebenserie begleitet.
Vulkanologen behalten die Entwicklung genau im Blick
Das aktuelle Erdbeben dürfte die Aufmerksamkeit der Vulkanologen erneut auf das Bárðarbunga-System lenken. Die Kombination aus wiederkehrenden starken Erdbeben und anhaltender Bodenhebung zeigt, dass der Vulkan keineswegs ruht. Gleichzeitig besteht derzeit kein Anlass, aus dem Beben unmittelbar eine bevorstehende Eruption abzuleiten. Die aktuellen Prozesse sind vielmehr Teil einer langfristigen Entwicklung, die seit dem Ende des Holuhraun-Ausbruchs beobachtet wird. Entscheidend wird sein, wie sich die seismische Aktivität und die Bodenbewegungen in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln. Sollte sich das Muster deutlich verändern, könnten die Behörden ihre Einschätzung der Lage entsprechend anpassen.
Island bleibt im Fokus der Vulkanüberwachung
Das starke Erdbeben unter dem Bárðarbunga erinnert erneut daran, dass Island zu den geologisch aktivsten Regionen Europas gehört. Die Insel liegt auf dem Mittelatlantischen Rücken, wo die Nordamerikanische und die Eurasische Platte auseinanderdriften. Hinzu kommen sogenannte Hotspot-Prozesse, die den Vulkanismus auf Island zusätzlich begünstigen. Für die Wissenschaft bietet die Insel deshalb einzigartige Bedingungen, um die Wechselwirkungen zwischen Erdbeben, Magmabewegungen und Vulkanausbrüchen zu untersuchen.
Der Bárðarbunga bleibt dabei ein besonders intensiv überwachtes Vulkansystem. Das aktuelle Beben der Magnitude 5,3 ist ein deutliches Zeichen für die anhaltende Aktivität im Untergrund. Eine unmittelbare Ausbruchsgefahr lässt sich daraus nach aktuellem Stand jedoch nicht ableiten.


